{"id":192,"date":"2022-03-02T10:12:58","date_gmt":"2022-03-02T09:12:58","guid":{"rendered":"https:\/\/muensteraner-kreis.de\/?page_id=192"},"modified":"2022-03-21T08:33:21","modified_gmt":"2022-03-21T07:33:21","slug":"muensteraner-memorandum-wissenschaftsorientierte-medizin%ef%bf%bc%ef%bf%bc","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/muensteraner-kreis.de\/?page_id=192","title":{"rendered":"M\u00fcnsteraner Memorandum Wissenschaftsorientierte Medizin"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">EIN STATEMENT DER INTERDISZIPLIN\u00c4REN EXPERTENGRUPPE \u201eM\u00dcNSTERANER KREIS\u201c&nbsp;ZUR WISSENSCHAFTSORIENTIERTEN MEDIZIN IM SPIEGEL DER COVID-19-PANDEMIE<\/h3>\n\n\n\n<p>M\u00fcnsteraner Memorandum Wissenschaftsorientierte Medizin <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/muensteraner-kreis.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Muensteraner-Memorandum-Wissenschaftsorientierte-Medizin.pdf\" target=\"_blank\">pdf Download<\/a><br>Zu diesem Memorandum ist auch ein Beitrag in der <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/warum-alternativmedizin-und-moderne-medizin-unvereinbar-sind-17877722.html\">FAZ<\/a> erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hauptautor:innen: Bettina Sch\u00f6ne-Seifert \u00b7 Norbert Schmacke<br>Autor:innen:&nbsp;Eva-Maria Jung \u00b7 Holger Lyre \u00b7 Claudia Nowack \u00b7 Oliver R. Scholz<br>Unterst\u00fctzende: Manfred Anlauf \u00b7 Norbert Aust \u00b7 Hans-Werner Bertelsen \u00b7 Edzard Ernst \u00b7 Paul Hoyningen-Huene \u00b7 Peter Hucklenbroich \u00b7 Ulrich Krohs \u00b7 Benedikt Matenaer \u00b7 Markus Seidel \u00b7 Christian Weymayr&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>M\u00e4rz 2022<\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcnsteraner Kreis ist ein informeller Zusammenschluss von Expertinnen und Experten, die sich kritisch mit der komplement\u00e4ren und alternativen Medizin (KAM) auseinandersetzen. Er besteht seit Juni 2016 und geht auf eine Initiative von Dr. Bettina Sch\u00f6ne-Seifert, Professorin und Lehrstuhlinhaberin f\u00fcr Medizinethik an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, zur\u00fcck.&nbsp;<br>Mehr unter https:\/\/muensteraner-kreis.de<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">EINF\u00dcHRUNG<\/h3>\n\n\n\n<p>Die moderne akademische Medizin soll die Erfolgsaussichten ihrer Behandlungsma\u00dfnahmen nach dem jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisstand erkl\u00e4ren und empi\u00adrisch belegen k\u00f6nnen \u00ad\u2013&nbsp;so auch ihr eigener Anspruch. Weil sie diesem Ideal aber immer nur n\u00e4herungsweise gen\u00fcgen kann, ist f\u00fcr sie das ver\u00adgleichs\u00adweise bescheidene Etikett der wissenschaftsorientierten Medizin (WOM) ange\u00admessen. Die\u00adses Memorandum soll dazu dienen, die Ziele und Grundbegriffe der WOM im Spiegel der Covid-19-Pandemie darzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit ihren zaghaften Anf\u00e4ngen vor etwa 200 Jahren hat diese Medizin sich immer auch unterschied\u00adlichen Anfeindungen ausgesetzt gesehen. Als scholastisch verkrustete \u201aSchulmedizin\u2018, als Ausverkauf der \u00e4rztlichen Kunst, als seelenlose Biomedizin oder als Ticket f\u00fcr die \u00dcberformung der Patienten\u00adversorgung durch den \u201amedizinisch-industriellen Komplex\u2018 \u2013 allen voran durch die Pharma\u00adindustrie. Solchen Vorw\u00fcrfen argumentativ entgegenzutreten, ist schon per se eine immer wiederkehrende Aufgabe der Selbstvergewisserung im Dienst von \u00c4rzt:innen, Patient:innen, Gesundheitspolitik und interessierter \u00d6ffentlichkeit. Im Zentrum steht dabei das Bestreben, unberechtigte von berechtigter Kritik zu unterscheiden und f\u00fcr Missst\u00e4nde dann Ursachen und Vermeidungsstrategien auszumachen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen Corona-Krise hat diese Aufgabe eine neue Dimension der Dringlichkeit erhalten. Corona-Leugnung, Impfgegnerschaft und Wissenschaftsskepsis \u2013 so heterogen ihre Auspr\u00e4gungen und Motive auch sind \u2013 gehen oft mit radikaler WOM-Kritik einher. Aus diesem Grunde ist eine aktuelle Standortbestimmung von WOM gerade im Lichte der COVID-19-Pandemie von gro\u00dfer Wich\u00adtig\u00ad\u00adkeit. Die vorliegenden Erl\u00e4uterungen von Zielen, Grundbegriffen und abgrenzenden Anfor\u00adde\u00adrungen der WOM sollen den folgenden Klarstellungen dienen:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Moderne Medizin in aufgekl\u00e4rten demokratischen Gesellschaften kann vern\u00fcnftigerweise nicht anders als wissenschaftsorientiert, also eine WOM sein. Wissensl\u00fccken, Unsicherheiten und praktische Umsetzungsprobleme, die in der WOM eben\u00ad\u00adso bestehen wie in anderen wissenschafts\u00adgeleiteten Handlungsgebieten, d\u00fcrfen nicht in Vergessen\u00adheit geraten lassen, wie eminent gro\u00df und systematisch die WOM-Fortschritte in Sachen Patienten\u00addienlich\u00adkeit sind. Das gilt auch in der aktuellen Pandemiebek\u00e4mpfung und bezieht Public-Health-Ma\u00dfnahmen mit ein.<\/li><li>Vielstimmigkeit und Selbstkritik sind innerhalb der Wissenschaft und bei der wissen\u00adschaftlichen Politikberatung ein globaler Fortschrittsmotor. Zugleich tragen Wissenschaft\u00adler:innen besonders in der \u00d6ffentlichkeit und in Krisensituationen gro\u00dfe Verantwortung: So sollten sie pers\u00f6nliche Abwei\u00adchungen vom jeweiligen Experten\u00ad\u00ad\u00adkonsens als solche deklarie\u00adren. Und sie sollten keinen Zweifel daran lassen, dass aus wissenschaftlichen Fakten und Prognosen etc. nur dann Empfehlungen oder Forderungen werden, wenn zus\u00e4tzliche Bewertungs\u00adma\u00df\u00adst\u00e4be aus gesell\u00adschaft\u00adlichen Diskursen hinzukommen, die selbst nicht Teil der wissen\u00adschaft\u00adlichen Expertise sind.<\/li><li>Vorl\u00e4ufigkeit und interne Strittigkeit vieler medizinischer Theorien und Praktiken sind keine Recht\u00adfertigung f\u00fcr Pseudomedizin oder Wissenschaftsskepsis. Ma\u00dfstab f\u00fcr gute Medizin kann am Ende nur die f\u00fcr WOM ma\u00dfgebliche Kombination von Kausalverst\u00e4ndnis und Wirksamkeits\u00adbelegen sein. Zudem ist wissenschafts\u00adorientierte Medizin ihrer Idee nach nicht kulturab\u00adh\u00e4ngig oder in ihrer G\u00fcltigkeit auf bestimmte Regionen oder Ethnien beschr\u00e4nkt, sondern beruht weltweit auf denselben Prinzipien.<\/li><li>Die unbestreitbaren Schw\u00e4chen der praktizierten wie der publizierten Medizin resultieren nicht aus ihrer Wissen\u00adschaftsorientierung als solcher, sondern aus Rahmenbedin\u00adgungen, Unsicher\u00adheiten und Wissensl\u00fccken, denen es abzuhelfen gilt. Das gilt offensichtlich auch im Corona-Kontext.&nbsp;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">1. MEDIZIN: PRIMAT DER PATIENTENDIENLICHKEIT<\/h3>\n\n\n\n<p>Das oberste Anliegen der Medizin ist die Bek\u00e4mpfung und Linderung von Krankheiten. Zwar gibt es \u00fcber das exakte begriffliche Verst\u00e4ndnis von Krankheit und Gesundheit anhaltende Debatten. Doch die meisten Zu\u00adst\u00e4nde, die mit beeintr\u00e4chtigenden k\u00f6rperlichen oder geistigen Funktionseinbu\u00dfen, Schmerzen oder einer verk\u00fcrzten Lebensspanne einhergehen, fallen aus jeder theo\u00adre\u00adtischen Perspektive unter den Begriff der Krankheit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Medizin geht es am Ende immer darum, individuellen Patient:innen durch heilende, lindernde, rehabilitative oder palliative Ma\u00dfnahmen zu helfen sowie Krank\u00adheiten durch Pr\u00e4vention vorzubeugen. Welche Ma\u00dfnahmen hierbei als gute Patientenversorgung gel\u00adten, ist abh\u00e4ngig vom Stand der medizinischen Wissensbest\u00e4nde. Aber zeit\u00fcbergreifend ist von Medizin zu fordern, dass sie m\u00f6glichst patienten\u00addienlich ist und daher am \u201aKrankenbett\u2018 das jeweils beste Wissen nutzt und einen menschlich-zugewandten Umgang pflegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diesen Zielen soll die Medizin von alters her dienen \u2013 auch wenn sie daf\u00fcr in fr\u00fcheren Zeiten zumeist wenige wirksame Mittel bereithielt. Das ist heutzutage entschieden anders, auch wenn es noch immer viele unverstandene oder schlecht behandelbare Krankheiten gibt. Trotzdem hat sich die Erfolgsquote klinischer Behandlungen etwa seit den 1950er Jahren drastisch erh\u00f6ht. Ma\u00dfgeblich hierf\u00fcr waren der naturwissenschaftlich basierte Wissenszuwachs, neue Technologien und die Nut\u00adzung statis\u00adtischer Verfahren f\u00fcr die Wirksamkeitspr\u00fcfung klinischer Ma\u00dfnahmen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Neben individuellen Patient:innen hat die Medizin auch f\u00fcr Public Health zu sorgen \u2013 mit Ma\u00dfnah\u00admen, die auf das Wohlergehen, auf die Versorgung oder auf Verhaltens\u00e4nderungen ganzer Bev\u00f6lkerungs\u00adgruppen oder der Bev\u00f6l\u00adkerung insgesamt abzielen. Dabei steht Public Health in politisch egalit\u00e4ren Gesell\u00adschaften in der Regel nicht im Kontrast zu einer Individual-Perspektive. Zumeist n\u00fctzen Public-Health-Ma\u00dfnah\u00admen jedenfalls statistisch auch den einzelnen Mitgliedern des Kollektivs, statt sie zu dessen Gunsten zu benachteiligen. Der Gemeinschaftsschutz durch kollektives Impfen ist hierf\u00fcr ein einschl\u00e4giges Beispiel \u2013 im Falle von COVID-19 auch ohne eine Herdenimmunit\u00e4t erreichen zu k\u00f6nnen. Wenn dies in Einzelf\u00e4llen anders ist, kommen ethische und rechtliche Abw\u00e4gungen ins Spiel, die politisch ausgehandelt werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">2. WISSENSCHAFTLICHKEIT DER MEDIZIN<\/h3>\n\n\n\n<p>Die moderne Medizin verdankt ihre M\u00f6glichkeiten haupts\u00e4chlich neueren naturwissenschaftlichen Einsichten in Krankheitsentstehung, \u2011entwicklung und \u2011bek\u00e4mpfung.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Die Pande\u00admiebew\u00e4ltigung ist hierf\u00fcr geradezu exemplarisch: Aufbauend auf der modernen molekular\u00adbiologischen und \u2013genetischen Virologie konnten in k\u00fcrzester Zeit die Natur des Virus und seine Variantenneigung erkl\u00e4rt werden. Kl\u00e4rung des \u00dcbertragungsmodus und epidemiologische Daten zu Verbreitungswegen f\u00fchrten ebenfalls rasch zur Entwicklung einer Public-Health-Strategie. Anf\u00e4ngliche Unsicherheiten \u00fcber den Nutzen von Masken und fortw\u00e4hrendes Aushandeln von gesellschaftlich akzeptablen Abstandsgeboten und Kontakt\u00adreduzierungen waren unumg\u00e4nglich und angemessen, da belastbare Forschungsresultate zum \u201ebesten\u201c Weg in der Anfangsphase nicht vorlagen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>Mit bisher beispielloser Geschwindigkeit wurden zudem auf der Basis langj\u00e4hriger onkologisch-virologischer Forschung neue mRNA-Impfstoffe entwickelt. Zus\u00e4tzliche traditionelle Impfstoffe stehen kurz vor der Zulassung. Damit steht allen L\u00e4ndern, die hierzu \u00f6konomisch in der Lage sind oder denen entsprechend geholfen wird, ein wirkungsvolles Pr\u00e4ventionsmittel zur Verf\u00fcgung, das die Dyna\u00admik der Pandemie grundlegend positiv beeinflusst hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies f\u00fchrt exemplarisch vor Augen, dass die Wissenschaftlichkeit der Medizin sich prim\u00e4r an ihrer Verankerung in der Forschung festmacht. Welche Rolle kommt dabei den praktizierenden \u00c4rzt:innen in der direkten Krankenversorgung zu? Sie bef\u00f6rdern den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt auf indirekte Weise: durch Ideen oder Fragestellungen, Mitwirkung an klinischen Studien oder Qualit\u00e4ts\u00adsicherung. Es ist anhaltend kontrovers, ob dies schon genuine Wissenschaft oder eher eine Anwendung von Wissenschaft ist. Richtig aber scheint, gute \u00e4rztliche Patientenversorgung auf drei S\u00e4ulen ruhen zu lassen<\/p>\n\n\n\n<p>(1.) auf der Nutzbarmachung geeigneter Wissensbest\u00e4nde aus allen relevanten Disziplinen;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>(2.) auf organisatorischem, technischem und implizitem Erfah\u00ad\u00adrungs\u00adwissen;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br>(3.) auf Kompetenzen in der Kommunikation mit Patienten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im hier behandelten Zusammenhang geht es nur um die erste S\u00e4ule. Sie verpflichtet WOM-\u00c4rzt:innen, ihre&nbsp;&nbsp;Behandlungsempfehlungen an aktuellen wissenschaftlichen Einsichten aus\u00adzurichten und sich ent\u00adsprechend lebenslang weiterzubilden.<a><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Wie in allen anderen Bereichen sind auch in der Medizin s\u00e4mtliche Wissensanspr\u00fcche \u201afallibel\u2018: d.h. sie sind nicht endg\u00fcltig und m\u00fcssen im Licht neuer Erkenntnisse ggf. revidiert werden. Das bedeutet aber nicht, dass alle Wissensanspr\u00fcche gleicherma\u00dfen relativiert werden m\u00fcssten, so dass der eine Wissensanspruch so gut wie der andere w\u00e4re. Ganz offensichtlich vertrauen wir (notorisch falliblem) Wissen in allen wichtigen Bereichen, z.B. beim Bauen und Nutzen von Flugzeugen, Geb\u00e4uden oder Br\u00fccken. Nat\u00fcrlich geschehen auch hier Fehler, aber das Beste, was wir veranlassen k\u00f6nnen, sind der Bau und Betrieb auf der Grundlage solider Geltungsstandards. F\u00fcr praktische Belange der geschil\u00adderten Art muss wissenschaftlich entschieden werden, welchen Befunden, Erkl\u00e4rungen und Vorher\u00adsagen man in der jeweiligen Situation vertrauen kann und sollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der Medizin ben\u00f6tigt man Wissen dar\u00fcber, mit welchen Mitteln sich Krankheiten am besten bek\u00e4mpfen lassen. Die Erarbeitung solchen Wissens erfolgt mittels zweier unterschiedlicher Strate\u00adgien, die in der WOM nach M\u00f6glichkeit zusammengef\u00fchrt werden. Zum einen gibt es theorie- und experimen\u00adtbasierte Argumente f\u00fcr Postulate und Erkl\u00e4rungen bestimmter Wirk\u00adme\u00adcha\u00adnismen. Zum anderen sollen empirisch-klinische Anwendungsdaten, auch \u201eEvidenz\u201c genannt (abgeleitet vom eng\u00adlischen Wort evidence im Sinne von \u201aBelegen\u2018), einen Zusammenhang zwischen der in Rede ste\u00adhenden Ma\u00df\u00adnahme und der Verbesserung des gesundheitlichen Patientenwohls systematisch belegen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung der ersten Erkenntnisstrategie kann noch einmal an der schon erw\u00e4hnten Entwicklung der mRNA-Impfstoffe in der Corona-Pandemie veranschaulicht werden. Sie fu\u00dfte auf interdisziplin\u00e4r vernetztem Wissen \u00fcber Virusbiologie, Ansteckungsmechanismen, Impfstoffentwicklung, Proteinbio\u00adsynthese und menschliche Immunantworten und erkl\u00e4rt, dass die mRNA-Technik so rasch ange\u00adwendet werden konnte und dass sie \u2013 mehr noch \u2013 nach Experten\u00adkonsens ein au\u00dferordentlich vielver\u00adsprechendes Behandlungskonzept der n\u00e4heren Zukunft sein wird: sei es als Impfstoff gegen zahlreiche andere Infektionen, sei es zur Immunabwehr gegen Tumorzellen. Die solchen (realen oder erhofften) Fortschritten zugrunde liegenden Kenntnisse sind systematischer Natur und genau deshalb belastbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber sind postulierte Wirkmechanismen, die mit bew\u00e4hrten Erkl\u00e4rungsnetzen \u00fcberhaupt nicht in Einklang zu bringen sind oder diesen fundamental widersprechen, je nach Zusammenhang als unplausibel bis obsolet anzusehen. Beispiele f\u00fcr letzteres sind Hochpotenzierung und Wasser\u00adged\u00e4cht\u00adnis der Hom\u00f6opathielehre oder die Ablehnung von Krankheits-Erkl\u00e4rungen auf der Ebene von Zellmechanismen, wie sie etwa vom Dachverband Deutscher Heilpraktikerverb\u00e4nde vertre\u00adten wird. Wie aber sollten moderne Immunologie und Impfwissenschaft ohne Zellularpathologie aus\u00adkom\u00admen?<\/p>\n\n\n\n<p>Neben naturwissenschaftlichen Kenntnissen nutzt WOM auch relevante sozialwissen\u00adschaftliche, psychologische und psychotherapeutische Wissensbest\u00e4nde. Ein biologistischer Erkl\u00e4rungs- oder Betrach\u00ad\u00adtungs-Reduktionis\u00admus, wie er WOM nicht selten vorgeworfen wird, liegt keinesfalls in der Logik von Wis\u00adsenschafts\u00adorientierung. Auch das hat sich in der Pandemie gezeigt, w\u00e4hrend deren Fortschreiten immer mehr hilfreiche Daten etwa zu psychologischen Fragen rund um Pandemiewissen, Hygienema\u00dfnahmen und Impfbereitschaft erhoben und eingebracht wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite oben angef\u00fchrte Erkenntnisstrategie ist die empirische Untersuchung von vermuteten Korrelationen zwischen Behandlungen und den erw\u00fcnschten Erfolgen und unerw\u00fcnschten Schadens\u00adrisiken. Zu diesem Zweck werden klinische Studien durchgef\u00fchrt, die m\u00f6glichst unverzerrte Daten liefern sollen, um einen Kausalzusammenhang zwischen Behandlung und Erfolg statistisch nahezu\u00adlegen. Solche Studien liefern als solche keine Hinweise darauf, wie der Kausalzusammenhang ggf. erkl\u00e4rt werden kann; sie dienen nur der Identifizierung von Kausalzusammenh\u00e4ngen und der Mes\u00adsung ihrer St\u00e4rke. Die systematische Nutzung kontrollierter (und oft verblindeter und randomisierter) Studien, das Hauptanliegen der Evidenzbasierten Medizin (EbM), hat in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen. Sie hat in zahllosen Bereichen, z.B. als Voraussetzung f\u00fcr die Zulassung von Arzneimitteln und Impfstoffen, eine erhebliche Verbesserung des Behandlungs\u00adniveaus der klinischen Medizin bewirkt \u2013 sei es durch positive oder negative Ergebnisse. Sie darf aber nicht dazu f\u00fchren, statistische Korrelations-Belege ohne Bezug zu den konkreten Fragestellungen einzufordern. Ein aktuelles Beispiel hierf\u00fcr ist eine Stellungnahme des EbM-Netzwerks vom September 2020, in der vor der Einf\u00fchrung einer Maskenpflicht und des Abstandhaltens zun\u00e4chst aussage\u00adkr\u00e4ftige (randomisierte prospektive kontrollierte) Studien zu deren Wirksamkeit verlangt wurden. Hier legt die Alltagsvernunft nahe, in einer hochgef\u00e4hrlichen Pandemie unverz\u00fcglich auch auf Ma\u00dfnahmen zu setzen, die sich in \u00e4hnlichen Situationen bew\u00e4hrt haben und plausibel scheinen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Beispiel bietet diejenige Kritik an den neuen mRNA-Impfstoffen, die sich vehement gegen deren vermeintlich viel zu kurze Testphasen richtet. Dabei wird die komple\u00admen\u00adt\u00e4re Bedeutung rele\u00advan\u00adter systematisch-theoretischer Wissensbausteine vollst\u00e4ndig ausgeblendet: Hierzu z\u00e4hlen im besag\u00adten Zusammen\u00adhang eine Reihe generalisierbarer Kenntnisse \u00fcber mRNA, Immunant\u00adworten oder Impf-Sp\u00e4tfolgen sowie \u00fcber die hohe Letalit\u00e4t und hohen Schadenspotentiale von Covid-Infektionen. Die WOM-basierten Zulassungs- und Empfehlungsvorgaben f\u00fcr die heute zugelassenen Covid-Impf\u00adstof\u00adfe haben sich auch im Nachhinein als richtig erwiesen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">3. \u00d6FFENTLICHE&nbsp;VERANTWORTUNG, PLURALISMUS UND SONDERMEINUNGEN&nbsp;<\/h3>\n\n\n\n<p>Wissenschaftsorientierte Medizin verpflichtet alle an ihr Beteiligten auf eine Reihe von Werten im Um\u00adgang mit Wissensbest\u00e4nden und Behandlungsempfehlungen. Sie klingen trivial, sind aber keines\u00adwegs selbstverst\u00e4ndlich und umfassen Unvoreingenommenheit, Revisionsoffenheit, Wahrhaftigkeit, das Zu\u00adr\u00fcck\u00ad\u00adstellen von Eitelkeiten und Eigeninteressen gegen\u00fcber dem Interesse am Wissenschafts\u00adfort\u00adschritt sowie die Bereitschaft zum kollegialen Disput.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als eine neuere Verantwortung von zunehmender Bedeutung hat sich in den letzten Jahrzehnten die wissenschaftliche \u2013 nicht zuletzt medizinische \u2013 Politikberatung entwickelt. Die Einsch\u00e4tzung der ge\u00adsund\u00adheitlichen Risiken von Atomkraft-Nutzung, Schweinegrippe oder Ebola sind \u00e4ltere Beispiele, von der Covid-19-Pandemie allerdings in den Schatten gestellt. Nie zuvor waren Expert:innen aus Viro\u00adlogie, Epidemiologie, Intensivmedizin oder Vakzinologie, aber auch Politologie, Rechtswissen\u00adschaften, Psychologie oder Medizinethik und -geschichte so h\u00e4ufig und zahlreich f\u00fcr Talkshows, Podcasts und politische Beratungsgremien angefragt wie seit M\u00e4rz 2020. Dabei hat sich das Verh\u00e4ltnis von Wissen\u00adschaft und Politik bei allen H\u00f6hen und Tiefen als prinzipiell fruchtbar erwiesen. Auch hier sind Lernfort\u00adschritte zu verzeichnen, insbesondere was das Hinzuziehen der psychosozialen F\u00e4cher und der realen Praxis in die Entscheidungs\u00adfindung betrifft. Zugleich aber haben sich einige Probleme zugespitzt:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens hat die Vielstimmigkeit der Expertenmeinungen zu vielen Fragen der Pandemie-Entwicklung und der erwartbaren Wirksamkeit von Gegenma\u00dfnahmen das naive Bild wissenschaftlich homo\u00adge\u00adner Ansichten ersch\u00fcttert, welches viele B\u00fcrger zuvor gehabt haben m\u00f6gen. Der auf diese Weise wohl deutlicher denn je ins \u00f6ffentliche Bewusstsein getretene Pluralismus der Wissenschaftler\u00admeinun\u00adgen hat indes zwei Seiten: Unter Wahrung der oben angedeuteten Werte ist ein solcher Pluralis\u00admus mit seiner Offenheit f\u00fcr neue Daten, neue Deutungen und neue Debatten fraglos ein Fortschrittsmotor. Wo er jedoch von Dogmatismus infiltriert ist, wissenschaftlich nicht nachvoll\u00adzieh\u00ad\u00adbare Erkl\u00e4rungs\u00adweisen zul\u00e4sst oder in prinzipiellem Widerspruch zu soliden empirischen Daten steht, trifft das Gegen\u00adteil zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens wurde im Rahmen der Strategieentwicklung zur Pandemiebek\u00e4mpfung in der Wahr\u00adnehmung einer kritischen \u00d6ffentlichkeit wiederholt von Wis\u00adsen\u00adschaftler:innen (und auch Politi\u00adker:innen) der kategorische Unter\u00adschied zwischen Tatsachenurteil\u00aden und Bewertungen \u00fcbergangen. Aus Infek\u00adtions\u00adraten, Todeszahlen oder prognostischen Modellierungen, so grundlegend wichtig sie f\u00fcr Entschei\u00addungs\u00adfindungen sind, folgen aber eben per se noch keine Forderungen oder poli\u00adtischen Empfehlungen. Es m\u00fcssen vielmehr Wertma\u00dfst\u00e4be etwa f\u00fcr Risikobewertungen und Ziel\u00advor\u00adgaben hinzu\u00adkom\u00admen, die gerade nicht aus den Wissenschaften selbst kommen, sondern aus Recht, Moral und am Ende der politischen Konsensbildung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens haben offenbar die Bef\u00fcrworter von sogenannter Komplement\u00e4r- und Alternativmedizin (KAM) einen nennenswerten Anteil an der gerade in Deutschland so prominenten Covid-19-Skepsis. Diese Skepsis wendet sich insbesondere gegen wissenschaftlich breit konsentierte Ansichten zur Entste\u00adhung und zur vergleichsweisen Gef\u00e4hrlichkeit der Covid-19-Pandemie sowie zur Vertrauens\u00adw\u00fcr\u00addig\u00adkeit von Aussagen zur erwartbaren Effektivit\u00e4t und Sicherheit der mRNA-Impfstoffe.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">4. ZUR ROLLE VON&nbsp;SOGENANNTER&nbsp;KOMPLEMENT\u00c4R- UND ALTERNATIVMEDIZIN IN DER COVID-19-PANDEMIE<\/h3>\n\n\n\n<p>Impfskepsis und Impfverweigerung stehen in einer langen Tradition wissenschaftsskeptischer oder \u2011feindlicher Haltungen (Christian\/2021 und Thiessen\/2021: im Netz). In Deutschland findet sich Impfskepsis bis hin zu Verschw\u00f6rungsmythen \u00fcberh\u00e4ufig bei Nutzern und Anbietern von KAM. Dieser Zusammenhang ist empirisch in j\u00fcngster Zeit durch zwei Studien belegt: Zum einen belegten Lamberty\/Imhoff (2018; im Netz) diese Beziehungen schon vor der Corona-Pandemie sowohl f\u00fcr Deutschland als auch die USA in einer Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden. Mit einem \u00e4hnlichen Ansatz zeigten Frei\/Nachtwey (2021; im Netz) f\u00fcr die Pandemiezeit in Baden-W\u00fcrttem\u00adberg eine auffallende Neigung zu Impf\u00adskepsis und Pandemie-Verleugnung bei Anh\u00e4ngern der Anthroposophie auf.&nbsp;&nbsp;Ohne den Ein\u00adfluss von KAM-Anh\u00e4ngern quanti\u00adfizieren zu k\u00f6nnen, zeigen diese Zusammenh\u00e4nge zeitaktuell, wel\u00adche Gefahren von KAM im Sinne der Boykottierung wissenschaftlicher Denk- und Handlungsweisen ausgehen. Anekdotisches Wissen \u00fcber das Anbieten alternativer Covid-Therapien, \u00fcber das Sch\u00fcren von Impf\u00ad-Misstrauen sowie das Anbieten von Impfstoff-Globuli gegen Corona oder von kostspieligen \u201aImpfaus\u00ad\u00adleitungen\u2018 aus Teilen der KAM-Szene verst\u00e4rken diesen Eindruck.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fchere Memoranden des M\u00fcnsteraner Kreises zur Hom\u00f6opathie und zu Heilpraktikern haben insofern an Aktualit\u00e4t und Bedeutung gewonnen. Es ist \u00fcberf\u00e4llig, dass die Gesundheitspolitik darauf reagiert, dass \u2013 wie im Detail in den Memoranden gezeigt \u2013 KAM-Verfahren in vielf\u00e4ltiger Weise geadelt und gesch\u00fctzt werden und Einzug in die gesetzliche Krankenversicherung gefunden haben. Unverst\u00e4ndlich und scharf zu kritisieren ist auch die Tatsache, dass zahlreiche Universit\u00e4ten KAM-Verfahren \u2013 oft unter der irref\u00fchrenden \u00dcberschrift einer \u201aIntegrierten Medizin\u2018 \u2013 in das akademische Lehr- und Forschungsprogramm aufgenommen haben. Der M\u00fcnsteraner Kreis erwartet von der Politik, dass sie sich zur Problematik von KAM-Verfahren (Hom\u00f6opathie, Anthroposophische Medizin u.a.) jetzt endlich konsequent positioniert und&nbsp;&nbsp;&nbsp;\u2013 wie vom MK vorgeschlagen \u2013 zudem das Berufsbild des Heilpraktikers entweder ganz abschafft oder radikal \u00fcberarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">FAZIT<\/h3>\n\n\n\n<p>Wissenschaftsorientierte Medizin (WOM) ist ein weltweites Unterfangen, das auf st\u00e4ndige Verbes\u00adserung \u00e4rztlichen Tuns zum Wohle der Patient:innen angelegt ist. Ohne Frage ist sie dabei schon in der Vergangenheit au\u00dferordentlich erfolgreich gewesen und hat sich in der Covid-19-Pandemie im Ganzen au\u00dferordentlich bew\u00e4hrt. Die ma\u00dfgeblichen Instrumente von WOM sind das Bem\u00fchen um das transparente, systematische und selbstkritische Verstehen von Krankheitsmechanismen und ihren Behandlungen in Kombination mit der empirischen \u00dcberpr\u00fcfung von Behandlungswirksam\u00adkeiten. Wissenschaftsorientierung l\u00e4sst sich ihrer Methodik wegen we\u00adder mit pseudomedizinischen Ans\u00e4tzen vereinbaren, noch geben Wissensl\u00fccken oder Qualit\u00e4ts- und Strukturm\u00e4ngel im medizinischen Alltag einen Anlass, die grunds\u00e4tzliche \u00dcber\u00adlegen\u00adheit von WOM gegen\u00fcber allen anderen Konzeptionen von Patienten\u00adbehandlung zu rela\u00adtivieren.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EIN STATEMENT DER INTERDISZIPLIN\u00c4REN EXPERTENGRUPPE \u201eM\u00dcNSTERANER KREIS\u201c&nbsp;ZUR WISSENSCHAFTSORIENTIERTEN MEDIZIN IM SPIEGEL DER COVID-19-PANDEMIE M\u00fcnsteraner Memorandum Wissenschaftsorientierte Medizin pdf DownloadZu diesem Memorandum ist auch ein Beitrag in der FAZ erschienen. Hauptautor:innen: Bettina Sch\u00f6ne-Seifert \u00b7 Norbert SchmackeAutor:innen:&nbsp;Eva-Maria Jung \u00b7 Holger Lyre \u00b7 Claudia Nowack \u00b7 Oliver R. 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