{"id":14,"date":"2020-04-25T17:30:27","date_gmt":"2020-04-25T15:30:27","guid":{"rendered":"http:\/\/muensteraner-kreis.de\/?page_id=14"},"modified":"2020-04-25T23:15:33","modified_gmt":"2020-04-25T21:15:33","slug":"memorandum-homoeopathie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/muensteraner-kreis.de\/?page_id=14","title":{"rendered":"M\u00fcnsteraner Memorandum Hom\u00f6opathie"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Statement der interdisziplin\u00e4ren Expertengruppe \u201eM\u00fcnsteraner Kreis\u201c zur Abschaffung der Zusatzbezeichnung Hom\u00f6opathie<br><\/h3>\n\n\n\n<p>M\u00fcnsteraner Memorandum Hom\u00f6opathie <a href=\"http:\/\/muensteraner-kreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/M\u00fcnsteraner-Memorandum-Hom\u00f6opathie.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">pdf Download<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Manfred Anlauf* \u00b7 Norbert Aust* \u00b7 Hans-Werner Bertelsen \u00b7 Juliane Boscheinen \u00b7 Edzard Ernst \u00b7 Daniel R. Friedrich \u00b7 Natalie Grams \u00b7 Hans-Georg Hofer \u00b7 Paul Hoyningen-Huene \u00b7 Jutta H\u00fcbner* \u00b7 Peter Hucklenbroich \u00b7 Claudia Nowack* \u00b7 Heiner Raspe \u00b7 Jan-Ole Reichardt \u00b7 Norbert Schmacke* \u00b7 Bettina Sch\u00f6ne-Seifert* \u00b7 Oliver R. Scholz \u00b7 Jochen Taupitz \u00b7 Christian Weymayr*<br>*federf\u00fchrende Autoren<br><\/p>\n\n\n\n<p>Korrespondenzadresse:<br>Dr. Christian Weymayr<br>c\/o Lehrstuhl f\u00fcr Medizinethik \u00b7 Institut f\u00fcr Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin \u00b7<br>Universit\u00e4t M\u00fcnster \u00b7 Von Esmarch-Str. 62 \u00b7 D-48149 M\u00fcnster<br><\/p>\n\n\n\n<p>Februar 2018<br><\/p>\n\n\n\n<p>Der M\u00fcnsteraner Kreis ist ein informeller Zusammenschluss von Expertinnen und Experten, die sich kritisch mit der komplement\u00e4ren und alternativen Medizin (KAM) auseinandersetzen. Er besteht seit Juni 2016 und geht auf eine Initiative von Dr. Bettina Sch\u00f6ne-Seifert, Professorin und Lehrstuhlinhaberin f\u00fcr Medizinethik an der Universit\u00e4t M\u00fcnster, zur\u00fcck. Ein erstes Projekt war die Ver\u00f6ffentlichung des M\u00fcnsteraner Memorandums Heilpraktiker.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. Einf\u00fchrung<br><\/h4>\n\n\n\n<p>Beim bevorstehenden 121. Deutschen \u00c4rztetag vom 08. bis 11.05.2018 in Erfurt soll die Musterweiterbildungsordnung der Bundes\u00e4rztekammer novelliert werden. Wir m\u00f6chten diese Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass einige Zusatzbezeichnungen \u2013 zumindest in Teilen \u2013 der wissenschaftlichen Medizin widersprechen. Eine Durchleuchtung aller Verfahren auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit halten wir deshalb grunds\u00e4tzlich f\u00fcr erforderlich. Besonders die Hom\u00f6opathie steht mit ihren Grundannahmen sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen fundamental entgegen.<br>Wir m\u00f6chten den 121. Deutschen \u00c4rztetag ersuchen, die Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c ersatzlos zu streichen.<br><br>Begr\u00fcndung:<br><br><strong>Die Hom\u00f6opathie ist eine unwissenschaftliche Heilslehre:<\/strong> Hom\u00f6opathische Arzneien liegen nach der Lehre Hahnemanns bereits ab dem ersten Dynamisations-Grad in so starker Verd\u00fcnnung vor, dass es vollkommen unerheblich ist, welche Einzelsubstanz, welche Pflanze oder welches Tier als Ausgangsmaterial verwendet wird. Die Hom\u00f6opathie f\u00fchrt die Wirkung ihrer \u201eArzneien\u201c deshalb auch nicht auf pharmakologische Mechanismen zur\u00fcck, sondern auf den heilsamen Einfluss immaterieller, geistartiger Wirkkr\u00e4fte. Wenn die Musterweiterbildungsordnung f\u00fcr die Vergabe der Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c den Erwerb einer \u201efachlichen Kompetenz in Hom\u00f6opathie\u201c fordert, dann fordert sie nichts anderes als eine \u201eKompetenz\u201c im Umgang mit geistartigen Kr\u00e4ften. Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus w\u00e4re es dann ebenso gerechtfertigt, eine Zusatzbezeichnung \u201eGesundbeten\u201c f\u00fcr die \u201eKompetenz\u201c zu vergeben, welche Gebete zu welchen Heiligen bei welchen Krankheiten zur Anwendung kommen sollen.<br>Dass die Hom\u00f6opathie \u2013 \u00fcberwiegend mit Hilfe von Stiftungsgeldern \u2013 trotzdem in der wissenschaftlichen Welt pr\u00e4sent ist und ihre vermeintliche Wirksamkeit in klinischen Studien beforscht wird, darf nicht zu dem Fehlschluss f\u00fchren, dass sie auch wissenschaftlich fundiert sei.<br>(Die Unwissenschaftlichkeit der Hom\u00f6opathie, aus der sich alle weiteren Begr\u00fcndungen ergeben, wird im Anschluss an diese Einf\u00fchrung ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert.)<br><br><strong>Die \u00c4rzteschaft bekennt sich zur Wissenschaftlichkeit:<\/strong> Die \u00c4rzteschaft hat sich wiederholt zur Wissenschaftlichkeit bekannt. So beschloss beispielsweise der 119. Deutsche \u00c4rztetag zum Masterplan Medizinstudium 2020: \u201e\u2026 F\u00f6rderung der Praxisn\u00e4he bedeutet auch St\u00e4rkung des wissenschaftlichen Grundverst\u00e4ndnisses. Vor diesem Hintergrund sollten die wissenschaftlichen Kurse ausgebaut werden, um die wissenschaftliche Kompetenz der Studierenden in der Breite anzuheben. So kann gew\u00e4hrleistet werden, dass die sp\u00e4teren \u00c4rzte ihre Patienten fundiert und evidenzbasiert behandeln. \u2026\u201c Es ist ein eklatanter Widerspruch, wenn auf der einen Seite der medizinische Nachwuchs zu Wissenschaftlichkeit angehalten wird, und auf der anderen Seite mit der Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c eine offizielle, fachliche Anerkennung f\u00fcr eine mit Wissenschaftlichkeit unvereinbare Heilslehre vergeben wird.<br><br><strong>Das Vertrauen der Patientinnen und Patienten in die wissenschaftliche Medizin wird untergraben:<\/strong> Dass Teile der \u00c4rzteschaft \u00fcberhaupt Hom\u00f6opathie anbieten, widerspricht bereits jedem wissenschaftlichen Anspruch an das \u00e4rztliche Handeln. Die von der \u00c4rztekammer verliehene Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c gibt dieser Lehre zus\u00e4tzlich den Anstrich wissenschaftlicher Seriosit\u00e4t, den Patientinnen und Patienten als Beleg f\u00fcr die Wirksamkeit der Hom\u00f6opathie missverstehen k\u00f6nnen, wenn nicht gar m\u00fcssen. Die Grenzen zwischen wissenschaftlich fundierter Medizin und Esoterik werden somit verwischt.<br><br><strong>Die Hom\u00f6pathie kann die Probleme der wissenschaftlichen Medizin nicht ausgleichen:<\/strong> Auch wenn die Zufriedenheit mit dem deutschen Gesundheitssystem im Allgemeinen gro\u00df ist, beklagen Patientinnen und Patienten auch Defizite in der Praxis der wissenschaftlichen Medizin, wie etwa fehlende Empathie, Zeitmangel und \u00dcbertechnisierung im Versorgungsalltag. Die Hom\u00f6opathie dagegen wird von Patientinnen und Patienten sehr h\u00e4ufig als zugewandter erlebt, sie nimmt sich in der Erstanamnese sehr viel Zeit und sie setzt keine Technik ein. Im Versorgungsalltag wird die Hom\u00f6opathieziffer vielfach als Ersatz f\u00fcr eine mangelnde Abrechenbarkeit der \u00e4rztlichen Kommunikation genutzt. Dies verschleiert das notorische Zeitproblem von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten. Mehr noch: Patienten gew\u00f6hnen sich daran, dass der redende Arzt der Hom\u00f6opath oder Naturheilkundler ist. Wir sind jedoch der Ansicht, dass die Probleme der wissenschaftlichen Medizin \u00fcber die Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c nicht von einer unwissenschaftlichen Parallelwelt scheinbar \u201erepariert\u201c werden d\u00fcrfen. Sie m\u00fcssen vielmehr innerhalb der wissenschaftlichen Medizin gel\u00f6st werden.<br><br><strong>Unwirksame Verfahren und Placebos sind mit \u00e4rztlicher Ethik unvereinbar: <\/strong>Es ist aus unserer Sicht ethisch nicht vertretbar, dass \u00c4rztinnen und \u00c4rzte systematisch Verfahren empfehlen und einsetzen (d\u00fcrfen), die in der Wissenschaftlergemeinschaft als erwiesenerma\u00dfen unwirksam gelten. Auch ihre Verabreichung als verdeckte Plazebos ist abzulehnen, weil sie das Recht der Patienten auf ehrliche Aufkl\u00e4rung verletzt und zugleich eine &#8218;Parallelmedizin&#8216; adelt und unterh\u00e4lt.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. Die Hom\u00f6opathie widerspricht sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen<br><\/h4>\n\n\n\n<p>Die vor 200 Jahren von Samuel Hahnemann erdachte Hom\u00f6opathie (Hahnemann 2005) hat inzwischen vielfache, divergierende und sich oft widersprechende Weiterentwicklungen erfahren. Gemeinsam sind diesen Varianten jedoch die beiden Grundlagen des Potenzierens und des Simile-Prinzips. Beide widersprechen sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Hom\u00f6opathie beruft sich nicht auf pharmakologisch und physiologisch plausible Wirkstoffe, sondern auf immaterielle, geistartige Wirkkr\u00e4fte. Sie muss demnach der Esoterik zugerechnet werden. So hielt das European Academies\u2019 Science Advisory Council (EASAC) 2017 fest: \u201e\u2026 we conclude that the claims for homeopathy are implausible and inconsistent with established scientific concepts (EASAC 2017).\u201c<br>Die Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c widerspricht somit dem Bekenntnis der \u00c4rzteschaft zur Wissenschaftlichkeit.<br><\/p>\n\n\n\n<p>2.1. Potenzieren<br>Ausgangsmaterialien werden potenziert, indem sie verd\u00fcnnt sowie dynamisiert, das hei\u00dft verrieben und gesch\u00fcttelt, werden.<br><br>2.1.1. Verd\u00fcnnen<br>Ausreichend verd\u00fcnnt, werden auch schwerste Gifte unwirksam, wie schon Paracelsus (\u201eNur die Dosis macht das Gift\u201c) weit vor Hahnemann erkannte. Ein pharmakologisches Pr\u00e4parat, das diese Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht erf\u00fcllt, hat keine Chance auf eine Zulassung. Die Hom\u00f6opathie verkehrt das Dosis-Wirkungs-Prinzip in sein Gegenteil \u2013 je st\u00e4rker verd\u00fcnnt eine Arznei ist, desto st\u00e4rker soll sie wirken.<br>Beim Herstellen eines hom\u00f6opathischen Pr\u00e4parats aus einer festen Ursubstanz wird diese zun\u00e4chst verrieben und dann mehrmals nacheinander in 10er-, 100er-, oder 50.000er-Schritten verd\u00fcnnt. Hom\u00f6opathische Verd\u00fcnnungen werden dann D-, C- oder LM-(auch Q-)Potenzen genannt. Eine Zahl hinter den gro\u00dfen Buchstaben gibt die Anzahl der Verd\u00fcnnungsschritte an. Selbst die st\u00e4rksten Gifte m\u00fcssen in einer gewissen Mindestkonzentration eingenommen werden, um im Organismus in so nennenswerten Mengen an die Zielorte zu gelangen, dass sie dort eine wahrnehmbare Wirkung erzielen k\u00f6nnen. Bereits bei sehr niedrigen Potenzen nimmt der Patient nur au\u00dferordentlich geringe Wirkstoffmengen zu sich: Dreimal f\u00fcnf Globuli pro Tag ergeben schon in der Verd\u00fcnnungsstufe C1 eine Tagesdosis von nur 0,01 mg, die damit beispielsweise deutlich unterhalb der Menge Cyanid oder Arsen liegt, die man mit dem Trinkwasser ohne gesundheitliche Folgen t\u00e4glich aufnimmt.<br><br>2.1.2. Reiben und Sch\u00fctteln<br>Hahnemann war sich bewusst, dass Verd\u00fcnnen die pharmakologisch wirksame Ausgangssubstanz reduziert. Um dennoch eine positive Wirkung zu erhalten, nahm er an, man k\u00f6nne durch Reiben und Sch\u00fctteln eine geistartige Kraft freisetzen, die im fl\u00fcssigen Medium erhalten bleibe und die sich auf Zuckerk\u00fcgelchen \u00fcbertragen lasse. Er sah die Wirkung als etwas Immaterielles an, was ihm auch erstrebenswert erschien, da Krankheit f\u00fcr ihn ebenfalls etwas Immaterielles war: \u201eNur durch geistartige Einfl\u00fcsse der krankmachenden Sch\u00e4dlichkeit kann unsere geistartige Lebenskraft erkranken, und so auch nur durch geistartige (dynamische) Einwirkungen der Arzneien wieder zur Gesundheit hergestellt werden\u201c (Organon, \u00a716).<br>Damit die immateriellen Heilinformationen der Ausgangssubstanzen auf die hom\u00f6opathischen Pr\u00e4parate \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen die L\u00f6semittel in der Lage sein, die Informationen zu speichern, also Strukturen mit einer gewissen Stabilit\u00e4t aufweisen. Dies wird oft als \u201eWasserged\u00e4chtnis\u201c bezeichnet. Die Wasser-Forschung zeigt jedoch unzweifelhaft, dass sich Fl\u00fcssigkeiten auch im atomaren Bereich viel zu dynamisch verhalten, um irgendeine Information speichern zu k\u00f6nnen (Bergmann 2011).<br><br>2.2. Simile-Prinzip<br>In Hahnemanns Vorstellung sollte das bei Krankheit \u201edynamisch verstimmte Lebensprinzip\u201c durch die hom\u00f6opathischen Mittel von einer etwas \u201est\u00e4rkern, \u00e4hnlichen, k\u00fcnstlichen Krankheits-Affektion ergriffen\u201c werden. Die Folge: Der Lebenskraft \u201eentschwindet dadurch das Gef\u00fchl der nat\u00fcrlichen (schw\u00e4cheren) dynamischen Krankheits-Affektion, die von da an nicht mehr f\u00fcr das Lebensprinzip existiert\u201c. Das Lebensprinzip werde dann nur noch von der Arzneikrankheit beherrscht, \u201edie aber bald ausgewirkt hat und den Kranken frei und genesen zur\u00fcck l\u00e4sst\u201c (Organon, \u00a729).<br>F\u00fcr dieses so genannte Simile-Prinzip gibt es keinerlei belastbare Hinweise. Tausende Studien haben vielmehr gezeigt, dass das von Hahnemann abgelehnte Prinzip des \u201econtraria contrariis\u201c, eine Krankheit heilen zu k\u00f6nnen, indem man ihren Ursachen entgegenwirkt, zutrifft. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Hom\u00f6opathen ausgerechnet Impfungen meist kritisch sehen. Denn Impfungen sind eine der ganz wenigen Ausnahmen, die dem Simile-Prinzip zumindest nahekommen, weil man mit Impfstoffen einer Krankheit vorbeugen kann, indem man Gesunden etwas gibt, das die Symptome der Krankheit hervorruft.<br><br>2.3. Weitere Aspekte<br>Sowohl das Potenzieren als auch das Simile-Prinzip f\u00fcr sich genommen w\u00fcrden v\u00f6llig ausreichen, die Hom\u00f6opathie als unwissenschaftliche, esoterische Lehre zu kennzeichnen. Dennoch sind einige weitere Aspekte f\u00fcr ein etwas umfassenderes Bild von der Hom\u00f6opathie relevant.<br><br>2.3.1. Verunreinigungen<br>1 Kilogramm reinster Milchzucker enth\u00e4lt neben vielen anderen Elementen 1 Mikrogramm Blei, 1 Liter reinster Alkohol enth\u00e4lt 100 Mikrogramm Blei und 1 Liter reinstes Wasser 0,015 Mikrogramm Blei (Hopff 1991). Blei wird jedoch auch als hom\u00f6opathisches Arzneimittel \u201ePlumbum metallicum\u201c verwendet. Bei jeder Arzneimittelherstellung m\u00fcsste also auch die Heilkraft von Blei freigesetzt und potenziert werden \u2013 neben den Heilkr\u00e4ften aller anderen Verunreinigungen.<br><br>2.3.2. Arzneimittelpr\u00fcfung an Gesunden<br>Die Arzneipr\u00fcfung, wie die Hom\u00f6opathie sie betreibt, geht davon aus, dass die wahrgenommenen Symptome urs\u00e4chlich auf die eingenommene Substanz zur\u00fcckgehen. Hahnemann empfahl, f\u00fcr eine Arzneipr\u00fcfung \u00fcber mehrere Tage \u201e4 bis 6 K\u00fcgelchen der 30sten Potenz\u201c zu sich zu nehmen (Organon, \u00a7128). Hahnemann f\u00fchrt etwa f\u00fcr Kochsalz C30 insgesamt 1349 Symptome auf, die zwar einen Blick auf den mitunter erschreckenden Gesundheitszustand der Pr\u00fcfer offenbaren, aber gewiss nichts mit dem nicht mehr vorhandenen Kochsalz zu tun haben (Hahnemann 2011).<br>Auch die Einnahme realer Mengen von Wirkstoffen sch\u00fctzt nicht vor Fehldeutungen: So registrierte Hahnemann nach der Einnahme von Chinin, dass sein K\u00f6rper von Fiebern gesch\u00fcttelt wurde. Dazu schreibt der Pharmakologe Wolfgang H. Hopff: \u201eVon den toxischen Eigenschaften des Chinins wissen wir, dass eine Untertemperatur erzeugt wurde, welche einen \u201aSch\u00fcttelfrost\u2018 zur Folge haben mag. Was auch immer Hahnemann f\u00fchlte, es kann sich nicht um Fieber gehandelt haben.\u201c So war bereits die Mutter aller hom\u00f6opathischen Arzneimittelpr\u00fcfungen, die die Geburtsstunde der Hom\u00f6opathie einl\u00e4utete, ein Irrtum.<br><br>2.3.3. Heterogenit\u00e4t der Lehren<br>Hahnemann bek\u00e4mpfte nicht nur die von ihm Allopathie genannte damalige Schulmedizin, sondern auch andere Hom\u00f6opathen, die seine Lehre ab\u00e4nderten. Dennoch findet sich heute eine F\u00fclle verschiedener Varianten (Informationsnetzwerk Hom\u00f6opathie). Dabei wird zum Beispiel auf die ausf\u00fchrliche Anamnese verzichtet, es werden mehrere Mittel gleichzeitig gegeben, jedem Menschen f\u00fcr alle Krankheiten nur eine einzige Substanz zugewiesen, oder es werden keine Globuli verabreicht, sondern nur Zeichen auf erkrankte K\u00f6rperpartien gemalt. Anders als in der wissenschaftlichen Medizin, in der sich diejenige Vorstellung durchsetzt, f\u00fcr die es die beste Evidenz gibt, koexistieren alle Varianten der Hom\u00f6opathie nebeneinander, weil keine f\u00fcr sich irgendeine spezifische Evidenz geltend machen kann. Es ist dann eine blo\u00dfe Frage des Glaubens, welche Richtung man bevorzugt. Die Musterweiterbildungsordnung fordert f\u00fcr Ihren \u201eKompetenz-Nachweis\u201c Kurse, die von den zust\u00e4ndigen \u00c4rztekammern anerkannt sind. Die \u00c4rztekammern k\u00e4men jedoch in vollst\u00e4ndige Erkl\u00e4rn\u00f6te, wollten sie wissenschaftlich fundiert begr\u00fcnden, warum ausgerechnet die von ihnen anerkannten Kurse die \u201erichtige\u201c Hom\u00f6opathie vermitteln.<br><br>2.3.4. Historischer Kontext<br>Als Hahnemann die Hom\u00f6opathie erdachte, kannte man zwar den \u201eMakrokosmos Mensch\u201c mit seinen Knochen, Muskeln, Sehnen und Blutgef\u00e4\u00dfen aus Anatomiestudien bis in erstaunliche Details, aber warum das Herz schl\u00e4gt, wozu man atmet, wie man sehen, tasten und f\u00fchlen kann, wie der Mensch also funktioniert, war ein gro\u00dfes R\u00e4tsel. So wusste Hahnemann nicht, dass Lebewesen aus Zellen bestehen, dass es Bakterien und Viren gibt, dass k\u00f6rperliche Merkmale vererbt werden k\u00f6nnen, dass das Immunsystem uns vor Krankheitserregern sch\u00fctzt und dass wir verschiedene Blutgruppen haben. Auch lagen heute selbstverst\u00e4ndliche Errungenschaften wie R\u00f6ntgenstrahlen, Insulin, Narkosemittel, Penicillin und viele andere noch in weiter Ferne (Weymayr 2007).<br>Die damalige Medizin war entsprechend mehr von Mythen als von Fakten und mehr von den Dogmen der antiken \u00c4rzte als von nachpr\u00fcfbaren Erkenntnissen gepr\u00e4gt. Die \u00c4rzte zeigten zudem ein von Medizinhistorikern oft \u201eheroisch\u201c genanntes Draufg\u00e4ngertum: Sie lie\u00dfen die Patienten bei jeder Gelegenheit zur Ader, zwangen sie zu Durchf\u00e4llen, Schwei\u00dfausbr\u00fcchen und Erbrechen, fl\u00f6\u00dften ihnen Quecksilber und andere Gifte ein und brannten ihre Wunden aus. Im Vergleich dazu war Hahnemanns unbeabsichtigter Nihilismus ein Segen f\u00fcr die Patienten. Das verleitete ihn zu dem Fehlschluss, dass seine Hom\u00f6opathie eine effektive Heilmethode sei.<br><br>2.3.5. Auf Konfrontation zur wissenschaftlichen Medizin<br>Hom\u00f6opathie und wissenschaftliche Medizin stehen in so eklatantem Widerspruch, dass sie in der Patientenversorgung unvereinbar sind. Hahnemann verbat sich vehement jede Vermischung der Hom\u00f6opathie mit der Allopathie und schloss dies auch f\u00fcr die Zukunft kategorisch aus (Organon, \u00a752): \u201eJede steht der anderen gerade entgegen und nur wer beide nicht kennt, kann sich dem Wahne hingeben, dass sie sich je einander n\u00e4hern k\u00f6nnten oder wohl gar sich vereinigen lie\u00dfen, kann sich gar so l\u00e4cherlich machen, nach Gefallen der Kranken, bald hom\u00f6opathisch, bald allopathisch in seinen Kuren zu verfahren; dies ist verbrecherischer Verrat an der g\u00f6ttlichen Hom\u00f6opathie zu nennen!\u201c Hahnemann ging so weit, zu behaupten, dass ein allopathisch misshandelter Organismus f\u00fcr hom\u00f6opathische Wohltaten weniger empf\u00e4nglich sei. Auch heute noch neigen viele Hom\u00f6opathen zu einer feindlichen Haltung gegen\u00fcber der wissenschaftlichen Medizin. Deren Ma\u00dfnahmen schw\u00e4chten oder blockierten gar die wohlt\u00e4tigen Wirkungen der Hom\u00f6opathika.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. Studien liefern keine Hinweise f\u00fcr eine Wirksamkeit der Hom\u00f6opathie<br><\/h4>\n\n\n\n<p>Hom\u00f6opathie wird vielfach beforscht, zum Beispiel mit Geldern der Carstens-Stiftung, zu deren expliziten Zielen die Verankerung der Hom\u00f6opthie in der akademischen Medizin z\u00e4hlt (Carstens-Stiftung). Auch werden an Universit\u00e4ten Stiftungslehrst\u00fchle mit Geldern der alternativen Pharmaindustrie eingerichtet. Diese Pr\u00e4senz im Wissenschaftsbetrieb hebt die Hom\u00f6opathie dennoch nicht in den Rang einer wissenschaftlich fundierten Heilslehre, die eine Zusatzbezeichnung rechtfertigen w\u00fcrde.<br><br>3.1. Einzelfallbeobachtung<br>Wie Hahnemann selbst berufen sich auch heutige Hom\u00f6opathen in erster Linie auf Einzelf\u00e4lle (Riker, 2017\/2018). Einzelf\u00e4lle k\u00f6nnen jedoch nur eine Koinzidenz beobachten, aber keine Kausalit\u00e4t nahelegen. Als Ausnahmen hiervon gelten nur dramatische Effekte, wenn beispielsweise jeder, der ein Mittel einnimmt, eine ansonsten immer t\u00f6dliche Krankheit \u00fcberlebt. Vor einem Einsatz der Hom\u00f6opathie in solchen F\u00e4llen hat jedoch auch Hahnemann abgeraten \u2013 er hatte erkannt, dass f\u00fcr einen Heilerfolg der Hom\u00f6opathie die Patienten ausreichend vital sein m\u00fcssten. Da Hom\u00f6opathie \u00fcberwiegend bei Bagatellerkrankungen eingesetzt wird, die ohnehin ganz ohne \u00e4u\u00dferes Zutun heilen, machen \u00c4rzte und Patienten zwangsl\u00e4ufig oft die Erfahrung, dass die Hom\u00f6opathie scheinbar wirkt.<br>In Verbindung mit der unter 2.3.5 genannten Skepsis gegen\u00fcber der wissenschaftlichen Medizin k\u00f6nnen solche vermeintlich positive Erfahrungen Patienten und \u00c4rzte dazu verleiten, sich auch in gef\u00e4hrlichen Situationen eher f\u00fcr einen ersten Versuch mit Hom\u00f6opathie oder vergleichbaren nicht-evidenzbasierten Verfahren zu entscheiden.<br><br>3.2. RCTs und Reviews<br>Die randomisierte, kontrollierte klinische Studie (RCT) gilt in der Evidenz-basierten Medizin (EbM) als Goldstandard, um Nutzen und in beschr\u00e4nktem Ma\u00dfe auch Schaden einer medizinischen Ma\u00dfnahme zu ermitteln. Sie ist, sofern sie hohen Qualit\u00e4tsstandards gen\u00fcgt, in der Lage, vielf\u00e4ltige Verzerrungspotentiale (Bias) anderer Studienarten auszuschlie\u00dfen. Besondere Beweiskraft (Evidence) wird \u00dcbersichtsarbeiten (Reviews) zugestanden, die in Metaanalysen mehrere Studien zusammenfassend auswerten. Um nicht, wie so oft in der Medizingeschichte, Trugschl\u00fcssen und Vorurteilen aufzusitzen, misstrauen Verfahren der EbM wie RCTs dem \u201egesunden Menschenverstand\u201c. RCTs setzen deshalb keine physikalisch oder physiologisch plausiblen Wirkmechanismen voraus, das hei\u00dft, sie verlangen bewusst ein naiv beobachtendes Naturverst\u00e4ndnis und betrachten den Menschen unter anderem wegen der hohen Komplexit\u00e4t seiner bio-psycho-sozialen Systeme als Black Box.<br>Dies wurde in den letzten Jahren von Vertretern einer \u201eScience-based Medicine\u201c kritisiert. Sie bezeichnen die beschriebene Haltung als \u201eblinden Fleck der EbM\u201c (Novella et al, Gorski &amp; Novella 2014) und argumentieren, dass die A-priori-Plausibilit\u00e4t einer Ma\u00dfnahme in der Interpretation einer Studie ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcsse. Da die A-priori-Plausibilit\u00e4t der Hom\u00f6opathie gleich Null ist, seien auch die Ergebnisse der Studien ohne Aussagekraft.<br>Anderen gilt die A-priori-Plausibilit\u00e4t als Vorurteil, das zwar theoretisch begr\u00fcndet sein mag, aber den Einsatz von bzw. den Verzicht auf bestimmte Heilmittel nicht ausreichend rechtfertige. Schlie\u00dflich kann der Erfolg von Mittel A in F\u00e4llen von Krankheit B nicht die Richtigkeit oder Falschheit eines ganzen Heilkundesystems beweisen. In erster Linie legt er den Einsatz von A in einem Fall von B nahe. Unbestreitbar besteht dennoch eine evolution\u00e4r-dialektische Beziehung zwischen den Erkenntnissen z.B. aus RCTs einerseits und heilkundlichen Modellvorstellungen andererseits.<br>Zur Hom\u00f6opathie wurden hunderte klinische Studien und etliche Reviews durchgef\u00fchrt. Hieraus ergaben sich f\u00fcr die Hom\u00f6opathie zusammenfassend negative Beurteilungen nationaler und internationaler Gremien. So stellte 2015 die australische Regierungsinstitution National Health and Medical Research Council (NHMRC) fest: \u201eBased on the assessment of the evidence of effectiveness of homeopathy, NHMRC concludes that there are no health conditions for which there is reliable evidence that homeopathy is effective\u201c (Weitere Zitate siehe Anlauf et al. 2015, Ernst 2017.<br>Soweit auch positive Studienergebnisse publiziert wurden zeigte sich, dass die meisten sich verlieren, wenn man angemessene Ma\u00dfst\u00e4be an die Qualit\u00e4t der Studien, an relevante Effektst\u00e4rken und an Reproduzierbarkeit anlegt (Aust 2013). Dies betrifft insbesondere die Methodik der statistischen Beweisf\u00fchrung (Beispiele und weitere Literaturhinweise u.a. in Hom\u00f6opedia).<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4. Fazit<br><\/h4>\n\n\n\n<p>Auch wenn Hom\u00f6opathie im Wissenschaftsbetrieb pr\u00e4sent ist, ist sie nicht wissenschaftlich fundiert. Ihre Grundlagen Potenzieren und Simile-Prinzip widersprechen sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Hom\u00f6opathie ist demnach der Esoterik zuzurechnen. Auch sieht die internationale Wissenschaftlergemeinschaft in klinischen Studien keine ausreichenden Belege f\u00fcr eine Wirksamkeit der Hom\u00f6opathie. Einer esoterischen Heilslehre mit einer Zusatzbezeichnung einen scheinbar seri\u00f6sen Anstrich zu geben, widerspricht dem Anspruch der \u00c4rzteschaft auf eine wissenschaftliche fundierte Versorgung, und schw\u00e4cht durch eine Verwischung der Grenzen zwischen Wissenschaft und Glauben das Ansehen der wissenschaftlich begr\u00fcndeten Medizin. Defizite der wissenschaftlichen Medizin sind intern zu l\u00f6sen und k\u00f6nnen nicht auf unwissenschaftliche Heilslehren abgew\u00e4lzt werden (Anlauf et al. 2015). Eine Abschaffung der Zusatzbezeichnung \u201eHom\u00f6opathie\u201c halten wir deshalb f\u00fcr dringend geboten.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">5. Literatur<br><\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Anlauf, Manfred et al: Komplement\u00e4re und alternative Arzneitherapie versus wissenschaftsorientierte Medizin; GMS German Medical Science, 2015<\/li><li>Aust, Norbert: In Sachen Hom\u00f6opathie; Verlag 1-2-Buch, 2013<\/li><li>Bergmann, Helge: Wasser, das Wunderelement?: Wahrheit oder Hokuspokus<\/li><li>Carstens-Stiftung: Naturheilkunde und Hom\u00f6opathie, http:\/\/www.carstens-stiftung.de<\/li><li>European Academies\u2019 Science Advisory Council (EASAC): Homeopathic products and practices: assessing the evidence and ensuring consistency in regulating medical claims in the EU, 2017<\/li><li>Ernst, Edzard: http:\/\/edzardernst.com\/2017\/04\/official-verdicts-on-homeopathy\/<\/li><li>Gorski, David H; Novella, Steven P: Clinical trials of integrative medicine: Testing whether magic works? Trends mol. med. 20 (9), 473-476, 2014<\/li><li>Hahnemann, Samuel: Hahnemanns Arzneimittellehre, Narayana Verlag, 2011<\/li><li>Hahnemann, Samuel: Organanon der Heilkunst; matrixverlag, 2005, nach der Ausgabe Leipzig, 1921<\/li><li>Hopff, Wolfgang H.: Hom\u00f6opathie kritisch betrachtet, Thieme, 1991<\/li><li>Informationsnetzwerk Hom\u00f6opathie: Hom\u00f6opedia \u2013 Informationen zur Hom\u00f6opathie; http:\/\/www.hom\u00f6opedia.eu<\/li><li>Informationsnetzwerk Hom\u00f6opathie: http:\/\/www.hom\u00f6opedia.eu\/index.php\/Artikel:Statistische_Signifikanz<\/li><li>Informationsnetzwerk Hom\u00f6opathie: http:\/\/www.hom\u00f6opedia.eu\/index.php\/Artikel:Systematische_Reviews_zur_Hom\u00f6opathie_-_Methodik<\/li><li>Novella, Steven et al: Science-Based Medicine; https:\/\/sciencebasedmedicine.org<\/li><li>Riker, Ulf; Evidenz und Erfahrung; in: Hom\u00f6opahie, Winter 2017\/2018<\/li><li>Weymayr, Christian: Hippokrates, Dr. R\u00f6ntgen &amp; Co., Bloomsbury, 2007<\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Statement der interdisziplin\u00e4ren Expertengruppe \u201eM\u00fcnsteraner Kreis\u201c zur Abschaffung der Zusatzbezeichnung Hom\u00f6opathie M\u00fcnsteraner Memorandum Hom\u00f6opathie pdf Download Manfred Anlauf* \u00b7 Norbert Aust* \u00b7 Hans-Werner Bertelsen \u00b7 Juliane Boscheinen \u00b7 Edzard Ernst \u00b7 Daniel R. 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