{"id":13,"date":"2020-04-25T17:30:27","date_gmt":"2020-04-25T15:30:27","guid":{"rendered":"http:\/\/muensteraner-kreis.de\/?page_id=13"},"modified":"2020-04-25T23:22:04","modified_gmt":"2020-04-25T21:22:04","slug":"memorandum-heilpraktiker","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/muensteraner-kreis.de\/?page_id=13","title":{"rendered":"M\u00fcnsteraner Memorandum Heilpraktiker"},"content":{"rendered":"\n<p>Im deutschen Gesundheitswesen existieren zwei Parallelwelten: die Welt der akademischen Medizin, und die Welt der Heilpraktiker. W\u00e4hrend die akademische Medizin nach Evidenzbasierung und begr\u00fcndetem Fortschritt strebt, sind Heilpraktiker in der \u00fcberwiegend unwissenschaftlichen Gedankenwelt der Komplement\u00e4ren und Alternativen Medizin (KAM) verankert. Auch der Ausbildungsgang ist v\u00f6llig verschieden: W\u00e4hrend Mediziner ein langes Studium absolvieren, ist die Ausbildung zum Heilpraktiker kurz und weitgehend unreguliert. Da Heilpraktiker dennoch das Etikett \u201estaatlich anerkannt\u201c bekommen, k\u00f6nnen Patienten leicht den falschen Eindruck gewinnen, es handle sich bei Medizinern und Heilpraktikern um gleichwertige Alternativen.<br><br>Seit vielen Jahren gibt es immer wieder teilweise intensiv gef\u00fchrte Diskussionen um das Thema Komplement\u00e4re und Alternative Medizin. Zu den hunderten von Verfahren wurden zahlreiche klinische Studien durchgef\u00fchrt, deren Qualit\u00e4t allerdings h\u00e4ufig sehr gering ist. \u00dcberzeugende Belege f\u00fcr eine Wirksamkeit fehlen meist. Zudem widersprechen die tradierten Krankheitskonzepte und Interventionen oft fundamentalen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.<br><br>Der M\u00fcnsteraner Kreis hat nun das M\u00fcnsteraner Memorandum Heilpraktiker verabschiedet, \u00fcber das am 21.8.2017 im Deutschen \u00c4rzteblatt berichtet wurde. Es ist im Wortlaut als pdf-Download auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/daebl.de\/BB36\" target=\"_blank\">aerzteblatt.de<\/a> sowie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/muensteraner-kreis.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/M\u00fcnsteraner-Memorandum-Heilpraktiker.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a> abrufbar. Darin werden zwei L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge skizziert: 1. Der Heilpraktikerberuf wird abgeschafft (Abschaffungsl\u00f6sung). 2. Der Heilpraktikerberuf wird abgel\u00f6st durch die Einf\u00fchrung spezialisierter \u201eFach-Heilpraktiker\u201c als Zusatzqualifikation f\u00fcr bestehende Gesundheitsfachberufe (Kompetenzl\u00f6sung).<br><br>Die Autoren sind \u00fcberzeugt, dass ihre L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge das Vertrauen in das deutsche Gesundheitswesen st\u00e4rken und die Versorgung verbessern w\u00fcrden. Das Label \u201estaatlich anerkannt\u201c w\u00e4re dann wieder ein echtes Qualit\u00e4tsmerkmal, an dem sich Patienten orientieren k\u00f6nnten.<br><br>Der M\u00fcnsteraner Kreis ruft Institutionen und Einzelpersonen auf, sich dem Memorandum als Unterst\u00fctzer anzuschlie\u00dfen. Dadurch sollen Politiker motiviert werden, das Heilpraktikerwesen nicht nur kosmetisch, sondern grundlegend zu reformieren.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ausz\u00fcge aus dem<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">M\u00fcnsteraner Memorandum Heilpraktiker<br><\/h2>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ein Statement der interdisziplin\u00e4ren Expertengruppe \u201eM\u00fcnsteraner Kreis\u201c zu einer Neuregelung des Heilpraktikerwesens<br><\/h4>\n\n\n\n<p>Manfred Anlauf, Norbert Aust, Hans-Werner Bertelsen, Juliane Boscheinen, Edzard Ernst, Daniel R. Friedrich, Natalie Grams, Paul Hoyningen-Huene, Jutta H\u00fcbner, Peter Hucklenbroich, Heiner Raspe, Jan-Ole Reichardt, Norbert Schmacke, Bettina Sch\u00f6ne-Seifert, Oliver R. Scholz, Jochen Taupitz, Christian Weymayr<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zitierweise<\/strong><br>M\u00fcnsteraner Kreis: M\u00fcnsteraner Memorandum Heilpraktiker. 21.8.2017. http:\/\/daebl.de\/BB36<br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Korrespondenzadresse<\/strong><br>Prof. Dr. Bettina Sch\u00f6ne-Seifert, Lehrstuhl f\u00fcr Medizinethik, Institut f\u00fcr Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universit\u00e4t M\u00fcnster, Von Esmarch-Str. 62, D-48149 M\u00fcnster, bseifert [at] uni-muenster.de<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">1. Einf\u00fchrung<br><\/h4>\n\n\n\n<p>Falsche Behandlungen von Patienten sind ein vielschichtiges Problem, dem nicht zuletzt die Gesundheitspolitik durch Ma\u00dfnahmen der Qualit\u00e4tssicherung begegnen muss. Zwei spezifische, aber nicht trennbare Teilaspekte dieses Problems sind Fehlbehandlungen durch (i) Heilpraktiker, die ihre Patienten \u00fcberwiegend mit Interventionen aus dem Bereich der (ii) Komplement\u00e4ren und Alternativen Medizin (KAM) behandeln. [\u2026]<br><br>Unter Alternativmedizin (kurz: AM) verstehen wir \u2013 im Einklang mit einem verbreiteten Sprachgebrauch \u2013 die Gesamtheit der Verfahren, die in Konkurrenz zu Behandlungsverfahren der wissenschaftsorientierten Medizin angeboten werden. Unter Komplement\u00e4rmedizin (kurz: KM) verstehen wir diejenigen Verfahren, die von ihren Betreibern erg\u00e4nzend zur wissenschaftsorientierten Medizin angeboten werden \u2013 wie es wohl insgesamt die h\u00e4ufigere Praxis ist. Zwischen beiden Bereichen gibt es erhebliche \u00dcberlappungen, die je nach Sicht der Anbieter und Patienten unterschiedlich gro\u00df sind. Aufgrund dieser mangelnden Trennsch\u00e4rfe erscheint es uns legitim und sinnvoll, den Sammelbegriff Komplement\u00e4r-Alternative Medizin (kurz: KAM) zu verwenden. Beispiele f\u00fcr KAM sind: Akupunktur, Hom\u00f6opathie, Bachbl\u00fcten oder chiropraktische Gelenkmanipulation. [\u2026]<br><br>Durch die staatliche Anerkennung von Heilpraktikern als \u201eHeilkunde\u201d Aus\u00fcbende und durch die gesetzlich fixierte Berufsbezeichnung \u201eHeilpraktiker\u201d (vgl. Heilpraktikergesetz \u00a71) wird Patienten suggeriert, es handle sich um staatlich gepr\u00fcfte Heiler, die im Grunde \u00e4quivalent zu \u00c4rzten ausgebildet seien und deren Kenntnisse sich zudem \u2013 anders als die vieler \u00c4rzte \u2013 nicht auf ein oder zwei Fachgebiete beschr\u00e4nkten. Dies w\u00e4re jedoch ein klarer Fehlschluss: Medizinstudenten durchlaufen ein der Wissenschaftlichkeit verpflichtetes Studium, an dessen Ende eine staatliche Pr\u00fcfung steht. Heilpraktiker haben demgegen\u00fcber nur eine einzige Pr\u00fcfung zu bestehen, in der sie nachweisen m\u00fcssen, dass sie sich bestimmter Grenzen ihres Kompetenzbereichs bewusst sind, etwa bei der Behandlung von Infektionskrankheiten. Dar\u00fcber hinaus gibt es keine staatlich regulierte Ausbildung. \u00c4rzte sind des Weiteren zu einer regelm\u00e4\u00dfigen Fortbildung verpflichtet, die der Kontrolle durch die Landes\u00e4rztekammern unterliegt \u2013 Heilpraktiker haben kein solches Fortbildungssystem.<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">2. Hintergr\u00fcnde<br><\/h4>\n\n\n\n<p>\u00c4rztinnen und \u00c4rzte d\u00fcrfen Patienten versorgen, weil man begr\u00fcndeterma\u00dfen annimmt, dass sie \u00fcber das entsprechende akademisch fundierte Wissen und K\u00f6nnen verf\u00fcgen. Um eine Kassenzulassung zu erhalten, m\u00fcssen inzwischen alle \u00c4rzte \u2013 vom Allgemeinmediziner bis zum Urologen \u2013 neben der \u00e4rztlichen Approbation eine Ausbildung zum Facharzt vorweisen. Sie haben dann also mindestens sechs Jahre Studium und mindestens f\u00fcnf Jahre Facharztweiterbildung hinter sich. Auch \u00c4rzte ohne Kassenzulassung m\u00fcssen, so fordert etwa das Haftungsrecht, nach Facharztstandard behandeln.<br><br>W\u00e4hrend also die wissenschaftsorientierte Medizin angehende \u00c4rzte nach hohen Standards ausbildet, sind die gesetzlichen H\u00fcrden f\u00fcr angehende Heilpraktiker sehr niedrig und verlangen keinerlei wissenschaftlich fundierte, standardisierte oder kontrollierte Ausbildung. [\u2026] Nunmehr sollen bis Ende 2017 unter Beteiligung der L\u00e4nder einheitliche Leitlinien erarbeitet werden, auf deren Grundlage zuk\u00fcnftig die Kenntnispr\u00fcfung von Heilpraktikeranw\u00e4rtern durchgef\u00fchrt werden soll. Diese begrenzte Novellierung des Heilpraktikergesetzes \u00e4ndert allerdings nichts daran, dass sich angehende Heilpraktiker auf die verlangte Pr\u00fcfung auch autodidaktisch vorbereiten k\u00f6nnen \u2013 ohne je einen Patienten zu sehen. [\u2026]<br><br>Wenn hingegen Add-on-Heilpraktiker und \u00c4rzte Alternative Medizin (AM) anbieten, tun sie dies zwar vor dem Hintergrund akademischen Fachwissens, sie blenden ihr Fachwissen beim Thema AM aber offenbar erfolgreich aus. Ob Heilpraktiker oder aber \u00c4rzte AM anbieten, macht auch insofern keinen Unterschied, als es aus unserer Sicht ethisch illegitim ist, absehbar unterlegene bis unwirksame Verfahren zu verabreichen oder sie als verdeckte Plazebos anzubieten. [\u2026]<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. Bewertung<br><\/h4>\n\n\n\n<p>[\u2026] Unbestritten schenken viele Heilpraktiker ihren Patienten Zuwendung und wohltuende Aufmerksamkeit, die diese in der auf Effizienz getrimmten wissenschaftsorientierten Medizin sehr oft nicht finden. Auch scheinen nicht wenige Patienten die aus wissenschaftlicher Sicht irrationalen Therapieans\u00e4tze dieser Behandler zu bevorzugen, wobei sie allerdings den unzutreffenden Eindruck haben m\u00f6gen, deren staatliche Zulassung garantiere Qualit\u00e4t und Kompetenz. [\u2026] Wenn Patienten dennoch die Dienste von Heilpraktikern in Anspruch nehmen, dann vermutlich auch deshalb, weil ihnen die zur Anwendung kommenden Verfahren oft pauschal und f\u00e4lschlich als nat\u00fcrlich, sanft, wirksam und nebenwirkungsfrei angeboten werden. [\u2026]<br><br>Gerade wegen der in Deutschland in nahezu allen Bereichen \u00fcblichen und erwartbar hohen Qualit\u00e4tsstandards gehen Menschen hierzulande davon aus, dass solche Standards alle wichtigen Lebensbereiche regulieren \u2013 also auch die Gesundheitsversorgung durch Heilpraktiker. Umso gr\u00f6\u00dfer ist die Gef\u00e4hrdung durch das unkontrollierte Feld des Heilpraktikerwesens. Mit zugespitzten Vergleichen: Es w\u00e4re undenkbar, Br\u00fcckenbau auf der Grundlage spiritueller Statik zuzulassen oder jemandem die Steuerung eines Flugzeugs anzuvertrauen, dessen ganze Kompetenz in einem erfolgreich absolvierten Workshop \u00fcber die Sage des Ikarus besteht. [\u2026]<br><br>Aber unsere Bedenken gehen deutlich weiter. So sollten aus unserer Sicht Verfahren der Alternativmedizin \u00fcberhaupt keinen Platz in der wissenschaftsorientierten Versorgung haben, da dies als wissenschaftliche \u201eAdelung\u201d des gerade Nicht-Wissenschaftlichen erscheinen muss, und zwar selbst dann, wenn diese Verfahren lediglich erg\u00e4nzend eingesetzt werden. Hier gilt: Ein der Patientenversorgung verpflichtetes Gesundheitssystem muss von unbelegten und \u00fcberzogenen Heilsversprechen g\u00e4nzlich freigehalten werden. Dies folgt unmittelbar aus dem ethischen Gebot der Wahrhaftigkeit im Umgang mit vulnerablen Patienten und ihren Angeh\u00f6rigen. [\u2026]<br><br>Auch innerhalb der wissenschaftsorientierten Medizin haben Patienten jederzeit das Abwehrrecht, selbst vielversprechende Behandlungen abzulehnen und etwa ihre Hoffnung auf Spontanheilung zu setzen. Entsprechend sind auch Hoffnungen auf Heilung durch Methoden der AM grunds\u00e4tzlich zu respektieren. Andererseits kann es ethisch nicht hingenommen werden, wenn Patienten die mitunter weitreichende Entscheidung, exklusiv auf AM zu setzen, vor allem in Ermangelung umfassender und wahrhaftiger Aufkl\u00e4rungsangebote treffen. [\u2026]<br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">4. L\u00f6sungswege<br><\/h4>\n\n\n\n<p>[\u2026]<br><strong>Abschaffungsl\u00f6sung<\/strong><br><br>Die Abschaffungsl\u00f6sung best\u00fcnde darin, den staatlich gesch\u00fctzten Beruf des Heilpraktikers zu annullieren. Als Vorbild k\u00f6nnte dabei die Neustrukturierung der bundesdeutschen Zahnheilkunde im Jahr 1952 dienen. In deren Rahmen wurde der Ausbildungsberuf \u201eDentist\u201d (Zahntechniker mit nicht-akademischer Weiterbildung) zu Gunsten des akademisch ausgebildeten Zahnarztes abgeschafft. Eine Streichung des Heilpraktikerberufs h\u00e4tte den Vorteil, die bizarre Qualit\u00e4tsl\u00fccke in der Parallelstruktur aus qualit\u00e4tsgesicherter \u00e4rztlicher Gesundheitsversorgung und blo\u00df Gefahrenabwehr-kontrolliertem Heilpraktikerwesen nachhaltig zu schlie\u00dfen.<br><br><strong>Kompetenzl\u00f6sung<\/strong><br><br>[\u2026] An die Stelle des bisherigen Heilpraktikers mit seinem problematischen Globalzuschnitt und dem gleichzeitig nicht garantierten Kompetenzniveau setzt die Kompetenzl\u00f6sung daher Fach-Heilpraktiker mit wissenschaftsorientierter Ausbildung und staatlicher Pr\u00fcfung. Staatlich anerkannter Fach-Heilpraktiker sollte (nur) werden k\u00f6nnen, wer bereits eine Ausbildung in einem der speziellen nicht-akademischen\/teilakademischen Heilberufe absolviert hat. Das betr\u00e4fe eine Reihe von Gesundheitsfachberufen, wie Ergotherapeuten, Gesundheits- und Krankenpfleger, Logop\u00e4den oder Physiotherapeuten.<br>Personen mit einer dieser Ausbildungen sollten auf Fachhochschul-Niveau eine zus\u00e4tzliche, fachspezifische Ausbildung erhalten k\u00f6nnen, die sie zum Fach-Heilpraktiker f\u00fcr ihren Bereich qualifiziert. Diese Ausbildung kann als einen ihrer Teilbereiche den wissenschaftlich fundierten Umgang mit KAM-Verfahren enthalten und zudem einen deutlichen Schwerpunkt auf Kommunikation und Empathie legen. Die F\u00e4higkeit, diese Verfahren ebenso kritisch wie jede wissenschaftsorientierte Methode zu reflektieren, sollte durch eine solide wissenschaftstheoretische Ausbildung bef\u00f6rdert werden.<br>Auf diese Art erhielten Fach-Heilpraktiker fachspezifische Befugnisse, die \u00fcber die jetzigen Befugnisse der jeweiligen Heilberufe hinausgehen, aber in ihrem fachlichen Zust\u00e4ndigkeitsbereich verblieben (ein Physiotherapie-Fachheilpraktiker etwa bliebe beschr\u00e4nkt auf Beschwerden und Erkrankungen im Bewegungsapparat). Die zus\u00e4tzlichen Qualifikationen und Befugnisse sollten sich in der jeweiligen Berufsbezeichnung niederschlagen, etwa mit dem Anhang \u201eund Fach-Heilpraktiker\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im deutschen Gesundheitswesen existieren zwei Parallelwelten: die Welt der akademischen Medizin, und die Welt der Heilpraktiker. 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