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Aktuelles



Münster 14.6.2018

Geh weida – bleib do!

Das Klinikum der Ludwig Maximilian Universität in München distanziert sich von der Homöopathie und hält dennoch in Patientenversorgung und Forschung an ihr fest


Seit kurzem findet sich auf der Homepage der zur LMU gehörenden Haunerschen Kinderklinik folgendes Statement:

Die Homöopathie ist eine höchst umstrittene komplementärmedizinische Methode. Die Vereinigung der Wissenschaftsakademien der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EASAC) hat mahnend darauf hingewiesen, dass es keine wissenschaftliche Grundlage für die Wirksamkeit homöopathischer Medikamente gibt. […] Die Kinderklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital unterstützt die Inhalte dieser Publikation.


Das klingt eindeutig. Die Information endet freilich wie folgt:

Angesichts der Wünsche vieler Eltern setzen wir uns aber auch für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Homöopathie und anderen komplementärmedizinischen Therapien ein.


Eine Universität, die in Patientenversorgung, Forschung und Lehre wissenschaftlichen Grundsätze verpflichtet ist, widerspricht sich selbst, wenn sie an einer wissenschaftsfremden Glaubensrichtung wie der Homöopathie festhält. Im Rahmen des Projekts Integrative Pädiatrie werden, so deren Leiterin Frau Dr. Siegrid Kruse, am Haunerschen Kinderspital inzwischen „von allen Stationen und Abteilungen der Klinik, jährlich insgesamt ca. 1000 Patienten“  homöopathisch behandelt. So  stellte Frau Dr. Kruse der Öffentlichkeit 2017 unter anderem in der „Allgemeinen Homöopathischen Zeitung“  die Ergebnisse einer eigenen Beobachtungsstudie zum ergänzenden Einsatz von Homöopathika bei 20 Kindern vor, die an dem Prader-Willi-Syndrom leiden, einer schweren, chromosomal bedingten Erkrankung. Kernergebnis laut Frau Dr. Kruse: „Unter homöopathischer Therapie verbesserten sich 17 von 20 Kindern in verschiedenen Bereichen . Die Aussage ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht nur erkennbar wertlos, die Studie hätte überhaupt nicht durchgeführt werden dürfen. Es stellen sich hierzu grundlegende Fragen:

  • Worin wurde die Berechtigung zum Einsatz von Homöopathika bei diesem Krankheitsbild gesehen?
  • Gibt es eine Stellungnahme der Ethikkommission?
  • Wie wurden die Eltern im Rahmen der Einwilligungserklärung über den Einsatz dieser „höchst umstrittenen Methode“ aufgeklärt?


Es stellt sich darüber hinaus die Frage, ob es sich überhaupt um eine neue Untersuchung gehandelt hat oder ob in dem Abstract (eine aktuelle Vollveröffentlichung ist nicht auffindbar) ein Rückgriff auf eine fast identisch erscheinende ‚Beobachtungsstudie‘ aus dem Jahr 1997  stattfand.


Der Münsteraner Kreis ist der Ansicht, dass die LMU ihrer Reputation als internationale wissenschaft¬liche Forschungsinstitution nur gerecht werden kann, wenn sie sich vom Einsatz der Homöopathie in der Patientenversorgung trennt. Ebenso muss in der Lehre über die häufig fehlende wissen¬schaftliche Fundierung der sogenannten komplementärmedizinischen Verfahren aufgeklärt werden statt diese weiter durch Anhänger der Methoden in Forschung, Klinik und Lehre adeln zu lassen.


Prof. Dr. Norbert Schmacke • Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert • Dr. Christian Weymayr




Münster 9.3.2018

Der Münsteraner Kreis fordert die Abschaffung der Zusatzbezeichung Homöopathie


Der Münsteraner Kreis fordert die Delegierten des 121. Deutschen Ärztetages auf, die Zusatzbezeichnung Homöopathie abzuschaffen. Zur ausführlichen Begründung ihre Forderung haben die Experten des Münsteraner Kreises das Münsteraner Memorandum Homöopathie verfasst. Die Ärztekammern vergeben die Zusatzbezeichnung Homöopathie an Ärztinnen und Ärzte, wenn sie die Teilnahme an bestimmten Fortbildungen im Bereich der Homöopathie nachweisen können. Eine Zusatzbezeichnung kann als Ausweis einer besonderen Kompetenz beispielsweise auf dem Praxisschild geführt werden. Auf dem 121. Ärztetag, der vom 8. bis 11. Mai in Erfurt stattfinden wird, soll die Musterweiterbildungsordnung, die die Vergabe der Zusatzbezeichnungen regelt, novelliert werden. Der Ärztetag sei also eine gute Gelegenheit, den eigenen Anspruch an Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden und endlich mit der Adelung der esoterischen Heilslehre Homöopathie Schluss zu machen, so die Meinung der Autoren des Memorandums. Den vom wissenschaftlichen Standpunkt aus wäre es ebenso gerechtfertigt, eine Zusatzbezeichnung „Gesundbeten“ zu vergeben, wenn Ärztinnen und Ärzte Fortbildungen nachweisen können, welche Gebete zu welchen Heiligen bei welchen Krankheiten zur Anwendung kommen sollen.




Münster/Berlin 22.12.2017

Erwiderung des Münsteraner Kreises auf Stellungnahme zum Heilpraktikerrecht („Sasse-Gutachten“)


Das „Münsteraner Memorandum Heilpraktiker“ ist breit beachtet und kommentiert worden.

Seitens des Berufs- und Fachverbands Freie Heilpraktiker e.V. wurde Dr. René Sasse für die Anfertigung einer juristischen Stellungnahme zu den Ausführungen des Münsteraner Memorandums herangezogen. Herr Dr. Sasse ist Rechtsanwalt und berät nach Angaben auf der Webseite seiner Kanzlei schwerpunktmäßig Heilpraktiker und Heilpraktikerverbände. Sasse hat ein an den Vorsitzenden des vorbezeichneten Verbandes, Herrn Dieter Siewertsen, adressiertes Kurzgutachten aus Anlass des Münsteraner Memorandums erstellt,  welches nun nicht selten in der öffentlichen Diskussion als Argument gegen das Münsteraner Memorandum herangezogen wird.


In dem Kurzgutachten stellt Sasse allerdings im Wesentlichen nur die derzeit bestehende Rechtslage dar. An verschiedenen Stellen nimmt er dabei Bezug auf die Vorschläge des Münsteraner Kreises und ordnet diese in das bestehende System des Heilpraktikerrechts ein.


Tatsächlich werden die Argumente des Münsteraner Memorandums, die die derzeitige Rechtslage als nicht länger tragbar beschreiben, durch die Ausführungen jedoch nicht entkräftet. Im Gegenteil besteht bei der Darstellung der aktuellen Rechtslage weitgehend Einigkeit, bei der Beurteilung derselben kommt es jedoch zu sehr unterschiedlichen Einschätzungen:  


So stellt Sasse zutreffend die derzeitige rechtliche Regelung der Heilpraktikerprüfung dar und nimmt auch Bezug auf die durch das „Dritte Pflegestärkungsgesetz“ angestoßenen Änderungen. Er erörtert, welche Inhalte in der Heilpraktikerprüfung abgefragt werden und wie die Prüfung insgesamt abläuft. Allerdings, und hier besteht der größte Unterschied, verneint das Gutachten in dem Status Quo eine Gefahr für das Patientenwohl.


Demgegenüber ist es aus Sicht des Münsteraner Kreises untragbar, dass die zutreffend dargestellte Prüfung rein theoretischer Natur ist. Es besteht die Möglichkeit, dass ein Heilpraktiker im Selbststudium ohne einen Tag praktischer Tätigkeit, nach Bestehen dieser einen Prüfung, eine Praxis eröffnet und Patienten behandelt. Hierbei darf er sich auch invasiver Behandlungsmethoden bedienen. Nicht nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang, warum die in der öffentlichen Diskussion häufig ins Feld geführten angeblich gut ausgebildeten Heilpraktiker selbst, ebenso wie die Berufsverbände und die Heilpraktikerschulen, offensichtlich kein Interesse daran haben, dieses eklatante Lücke im System zu schließen um ihren Berufsstand vor schwarzen Schafen zu schützen.


Der Staat ist dem Patientenwohl verpflichtet. Es kann nicht einerseits ein Heilberuf staatlich anerkannt sein, der neben dem Arzt Patienten behandeln darf, für den aber nicht Sorge getragen wird, dass Angehörige dieses Berufes sicher Gefahren für die Gesundheit ihrer Patienten erkennen und alles zur Abwendung der Gefahr Notwendige unternehmen.


Und hierfür reicht ohne Frage das in dieser einen verpflichtenden theoretischen Abschlussprüfung abgefragte Wissen nicht aus. Niemand würde einen Arzt, eine Krankenschwester, einen Krankenpfleger eine Hebamme oder einen Angehörigen eines anderen Heilberufes aufsuchen, wenn ihm bewusst wäre, dass diese Person nur eine einzige Prüfung absolviert und im Rahmen der Vorbereitung dieser einzigen Prüfung nicht einen Tag praktisch unter Anleitung durch einen Arzt gearbeitet haben muss. Selbst wenn dies durch verantwortungsbewusste Heilpraktiker freiwillig geleistet sein sollte, ist allein die theoretische Möglichkeit und die weitgehende Realität mit der Verpflichtung gegenüber dem Wohle des Patienten nicht in Einklang zu bringen.


Der Einwand in dem Kurzgutachten, eine einheitliche staatlich geregelte Heilpraktikerausbildung sei aufgrund der Heterogenität der Tätigkeit der Heilpraktiker kaum möglich, ist angesichts der Vielfalt der Methoden im ärztlichen oder pflegerischen Beruf mit ihrer hohen Qualitätssicherung widerlegt. Selbstverständlich könnte man ein Ausbildungssystem schaffen, in der auf die praktische Ausbildung in der Anwendung grundlegender medizinischer Techniken am Patienten gleichermaßen wie auf eine wissenschaftliche Überprüfung der theoretischen Inhalte ein Fokus gelegt wird. Eben eine solche theoretische und praktische Grundausbildung fordert das Münsteraner Memorandum als Mindeststandard. Die Erarbeitung eines solchen Ausbildungssystems ist nicht einfach, aber die Erhaltung des Status Quo dürfte in niemandes Interesse liegen, der ernsthaft am Wohl des Patienten interessiert ist.


Wenig überzeugend ist auch die Argumentation, dass der Staat die staatliche Anerkennung vermeidet und deshalb die Bestrebungen einer Qualifizierung des Berufsstandes sabotiert habe und es deshalb beim Status Quo bleiben müsse. Zentral ist das Wohl des Patienten und nicht die Ableitung angeblich historisch ver- und geschuldeter Privilegien für eine Berufsgruppe.


Zutreffend werden in dem Gutachten die geltenden Berufsausübungsregelungen für Heilpraktiker referiert und auf Pflichten wie die Hygieneüberwachung, Sorgfaltspflichten und Werberegeln für Heilpraktiker verwiesen. Der Heilpraktiker schwebt entsprechend der Darstellung von Sasse selbstverständlich nicht im rechtsfreien Raum bei der Ausübung seines Berufes. Diese Schlussfolgerung ist dem Münsteraner Memorandum auch nicht zu entnehmen. Der Patient - und dessen Sicht ist in dieser Diskussion maßgeblich -  schließt aus einer Berufsbezeichnung mit der staatlichen Anerkennung darauf, dass der ihn Behandelnde eine umfassende Ausbildung aufweist. Die Möglichkeit, dass der vor dem Patienten sitzende Heilpraktiker nur die Heilpraktikerprüfung erfolgreich absolviert, aber weder eine geordnete theoretische noch eine praktische Ausbildung durchlaufen hat, wird in der Regel kein Patient erwarten. Insofern ist die staatliche Regelung der Ausbildung eine notwendige Beseitigung einer systematische Desinformation des Patienten.


Aus unserer Überzeugung braucht eine eigenverantwortliche Tätigkeit am Patienten eine Ausbildung und eine auf ihr aufbauende regelmäßige qualitätsgesicherte Fortbildung. Eine solche Aus- und Fortbildung ist nach derzeitiger Rechtslage aber nicht zwingend vorgesehen – ganz im Unterschied zu allen Berufsgruppen, die sich sonst mit Patienten und der Gesundheit derselben, beschäftigen. Hier fordern wir die Politik zum Handeln im Sinne des aktiven Patientenschutzes auf.


Münsteraner Kreis

© Christian Weymayr