Neues Memorandum zur „Integrativen Medizin“

Die Integrative Medizin (IM) wird oft mit der These von dem ‚Besten beider Welten‘ charakterisiert. Eine allgemein anerkannte Definition der IM existiert jedoch nicht. Gängige Beschreibungen der IM betonen: 

  • die Kombination von konventionellen und komplementären Verfahren, 
  • die Ganzheitlichkeit im Verständnis der Heilkunde, 
  • die hohe Bedeutung der Arzt-Patienten Beziehung, 
  • die Hoffnung auf einen optimalen Therapieerfolg, 
  • die Fokussierung auf den Patienten, 
  • den hohen Stellenwert des Erfahrungswissens. 

Die These vom ‚Besten beider Welten‘ beeindruckt viele. Wenn man jedoch nachforscht, was unter dem ‚Besten‘ zu verstehen ist, stellt man fest, dass dieser Begriff nicht annähernd so wie in der konventionellen Medizin interpretiert wird. Viele Ansprüche der IM sind elementare Bestandteile jeder guten Medizin und können somit nicht zu den charakterisierenden Eigenschaften der IM gezählt werden. Schließlich ist kaum zu übersehen, dass die Anhänger der IM diese als Vorwand benutzen, um unbewiesene oder widerlegte Verfahren in die konventionelle Medizin einzubringen. Entgegen anderslautenden Versprechungen hat IM kein erkennbares Potential zur Verbesserung der Medizin. Sie stiftet vielmehr Verwirrung und bringt erhebliche Gefahren mit sich. Dies kann nicht im Interesse von Patientinnen und Patienten liegen.Vor diesem Hintergrund ist zu fordern, dass die IM auf allen Ebenen kritisch hinterfragt wird.

Das Memorandum als pdf-Download.

Ärztetag Bremen – Tooor!

Ein Kommentar von Hans-Werner Bertelsen

Drei Mal ist Bremer Recht! Auf wunderbare Weise hat sich dieses Sprichwort, das in Bremen jeder kennt, auf dem 126. Deutsche Ärztetag bestätigt. Nachdem 2019 die Bremer Weiterbildungsordnung um die Scheintherapie erleichtert und im März 2022 mit der Streichung aller damit verknüpften Selektivverträge die Abrechenbarkeit gestoppt wurde, hat nun ein Antrag eines Bremer Delegierten für die Streichung der als „Homöopathie“ bezeichneten, in vielen Bundesländern längst aus der Weiterbildungsordnung verbannten Form der „Therapie“ auch in der Muster-Weiterbildungsordnung (MWBO) gesorgt.

Durch intensive und von Konstruktivität und Veränderungswillen geprägte Gespräche wurde dieses wichtige Etappenziel erreicht. Zusammen mit der Bremer Ärztekammer freuen wir uns sehr über diesen, von sportlichem Geist und Beharrlichkeit getragenen Erfolg.

Mit diesem Hattrick schließt sich für den Münsteraner Kreis ein weiteres wichtiges Kapitel im Einsatz für eine wissenschaftsorientierte Versorgung. Der Hattrick sollte aber auch eine Steilvorlage für die Legislative sein: Die explizite Herausnahme der „Besonderen Therapierichtungen“ aus dem üblichen, wissenschaftlich fundierten Zulassungsprozess darf nicht länger politisch geduldet werden. Die notwendigen Gesetzesänderungen sind längst vorbereitet und warten auf das „Go“ eines entscheidungswilligen Gesundheitsministers. 

Es ist gut, dass mit dem Beschluss des Ärztetages auch den „Big Playern“ der Kassen, wie Barmer und Techniker Krankenkasse, ein mehr als deutliches Zeichen gesendet wird, ihre Direktverträge mit dem Deutschen Zentralverein homöopatischer Ärzte (DZVhÄ) schleunigst zu kündigen. Für die homöopathisch tätigen MedizinerInnen heißt es, sich endlich der Realität zu stellen und eine weitere Fremd- und Selbsttäuschung künftig zu vermeiden. 

Die Sprechende Medizin im GKV-Bereich darf nicht länger mit Esoterik verknüpft sein, um als ärztliche Leistung abrechenbar zu sein. Konstruktive Vorschläge existieren hierzu seit vielen Jahren: Eine auskömmlich dotierte, sich an den betriebswirtschaftlichen Realitäten orientierende „Intensivberatung“ etwa bei Tumorerkrankung, Verdacht auf Depressionen und Polymorbidität kann hier helfen, den Nachfragedruck in Richtung Scharlatanerie zu drosseln.

Selektivverträge – der nächste Meilenstein für den Münsteraner Kreis

Ein Kommentar von Hans-Werner Bertelsen

Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) teilte uns mit, dass sie nach Beschluss des Vorstandes die abgeschlossenen Selektivverträge mit den Krankenkassen kündigt. Dies stellt einen weiteren wichtigen Meilenstein in der Arbeit des Münsteraner Kreises dar. Die Selektivverträge sicherten bis dato den bequemen Geldfluss der mit den Abrechnungspositionen für „Homöopathie“ erzielten Honorare. In Bremen versiegt damit eine wesentliche Finanzierungsquelle. Nach dem richtungsweisenden Beschluss, die „Homöopathie“ aus der Weiterbildungsordnung zu extrahieren, zeigt Bremen somit zum zweiten Mal, dass die Bremer Ärzteschaft nicht willens ist, Scheinmedizin als Bestandteil der gesetzlichen Krankenversorgung – und eine damit verbundene, bis dato noch immer legitimierte – Gefährdung von PatientInnen, hinzunehmen.

Den „HomöopathInnen“ kommt mit der Kündigung der Selektivverträge das für sie wichtigste Zahlungsmittel abhanden: die bequeme und einfache Bezahlung der abgerechneten Leistungen über die Gesundheitskarte. MedizinerInnen in Bremen, die noch immer an der gefährlichen Scheinmedizin festhalten, müssen ihren PatientInnen künftig Rechnungen ausstellen und die darin geforderten Honorare selbst eintreiben – inklusive Mahnwesen. Das wird zweifellos eingefleischte „HomöopathInnnen“ nicht von dem eingeschlagenen Weg der Selbsttäuschung abbringen, aber das Arbeiten wird damit künftig von Mühen begleitet sein. Es dürfte auch die Argumentation der Protagonisten und Verbände, „Homöopathie“ würde schließlich „von den Krankenkassen bezahlt“, deutlich erschweren. Für die Krankenkassen wird es ebenfalls schwieriger, weil sie künftig mit der Erstattung von Privatrechnungen ein erhöhtes Arbeitsaufkommen erleben werden. Sicher – man wird die Verwaltungskosten einfach erhöhen, glaubwürdiger werden die Krankenkassen, die aus „Marketing-Gründen“ im 21. Jahrhundert ihren Versicherten diese sinnlose und bei Vernachlässigung sinnvoller Maßnahmen auch gefährliche Therapieform anbieten, dadurch mit Sicherheit nicht. 

Die Erklärungsnot der noch erstattenden Kassen wird steigen, zumal es nach dem Signal aus Bremen sehr wahrscheinlich ist, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen anderer Bundesländer dem Bremer Vorbild ebenso folgen werden, wie dies im Falle der Weiterbildungsordnung schon mal passierte.

Die Signale an die politisch Verantwortlichen können deutlicher nicht sein: Nach dieser klaren Abgrenzung aus dem kleinen, aber unbeugsamen Bremen, ist eine Abschaffung der „besonderen Therapierichtungen“ und das damit verbundene klare Bekenntnis zu Wissenschaftsorientierter Medizin (WOM) nur eine Frage der kurzen Zeit. 

Neues Memorandum: Wissenschaftsorientierte Medizin im Spiegel der Covid-19-Pandemie

Wie moderne akademische Medizin ‚tickt‘ und warum ihre Grundprinzipien mit sogenannter Kom­plementär- und Alter­nativ­medizin (KAM) unvereinbar sind: Darüber möchte der Münsteraner Kreis seit seiner Gründung vor einigen Jahren informieren. Das neue Münsteraner Memorandum Wissenschaftsorientierte Medizin sagt hierzu im Kern:

Schulmedizin, wie die an den Universitäten gelehrte Medizin häufig genannt wird, hat einen doppelten Anspruch: Sie will die Erfolgsaussichten ihrer Behandlungskonzepte nach bestem wissenschaftlichen Kennt­nis­stand erklären und sie empi­risch belegen können. Weil sie diesem Ideal immer nur näherungsweise genügen kann, ist für sie das Etikett der wissenschafts­orientierten Medizin (WOM) ange­messen. Seit ihren Anfängen vor etwa 200 Jahren war WOM immer auch unterschied­lichen Anfeindungen ausgesetzt. Auch Corona-Leugnung, Impfgegnerschaft und Wissenschaftsskepsis gehen oft mit radikaler WOM-Kritik einher. Deren ‚Ansteckungs­gefahr‘ möchte das Memorandum Aufklärung entgegen­stellen.

Medizin geht es darum, individuellen Kranken zu helfen sowie Krank­heiten durch Prä­ven­tion vorzu­beugen. Um in diesem Sinne möglichst patienten­dienlich zu sein, muss sie am ‚Kranken­bett‘, menschlich-zugewandt, das jeweils beste Wissen nutzen. Damit ist sie heute erheblich erfolgreicher als früher, auch wenn es noch immer viele schlecht behandelbare Krankheiten gibt. Neben indivi­duellen Patient:innen muss die Medizin auch das Wohlergehen der gesamten Bevöl­kerung oder bestimmter Gruppen im Auge haben. Dabei stehen Public-Health-Maßnahmen in politisch egalitären Gesell­schaften nicht im Widerspruch zu einer Individual-Perspektive: Zumeist nützen Public-Health-Maßnah­men auch den einzelnen Mitgliedern des Kollektivs. Unstrittig ist, dass für die Entwick­lung bevölkerungsbezogener Interventionen, wie jetzt der Impfkampagnen, immer auch ethische und rechtliche Abwägungen erforderlich sind. 

Zu diesem Memorandum ist auch ein Beitrag in der FAZ erschienen.

Die Verwirrsprache der Homöopathie

Im Alltag haben sich Formulierungen breitgemacht, die die Homöopathie zu positiv darstellen. Beispiele dafür finden sich sogar in Medienbeiträgen, die die Homöopathie kritisch sehen. Der Münsteraner Kreis veröffentlicht nun ein Poster mit 10 Sprachverwirrungen und möglichen Alternativen.

Der Münsteraner Kreis hat Sprachbeispiele unter die Lupe genommen, die die Homöopathie in einem warmen Licht zeigen: als rationale, der wissenschaftlichen Medizin zur Seite stehende, mithin ebenbürtige oder gar selbst wissenschaftlich fundierte Heilmethode. Doch das ist eine grobe Irreführung, denn Homöopathie ist Esoterik in Reinkultur.

Beschönigende Formulierungen finden sich selbst in Medienbeiträgen, die eine mögliche Wirkung homöopathischer Präparate klar verneinen. Resultat der Arbeit ist ein Poster mit 10 Sprachverwirrungen plus möglichen Alternativen. Häufig zu finden ist beispielsweise die Formulierung „Homöopathika haben keinen bewiesenen Nutzen“. Irreführend ist die Formulierung deshalb, weil einschränkende Attribute wie „bewiesen“ andeuten, dass es doch einen Nutzen geben könnte, der eben nur noch nicht bewiesen ist.

Das Poster kann unter der Nennung „© Münsteraner Kreis“ frei abgedruckt werden.

Muss der Heilpraktikerberuf stärker reguliert werden?

„Streitkultur“ im Deutschlandfunk: Ursula Hilpert-Mühlig vs. Christian Weymayr

Die Methoden von Heilpraktikern sind vielfältig und teils sehr umstritten. Etliche Wissenschaftler wollen den Beruf deshalb verbieten. Und auch die Bundesregierung will die Branche überprüfen. 

Moderation: Manfred Götzke

Experten und auch die Politik fordert eine deutlichere Regulierung des Heilpraktikerberufs – und auch der Ausbildung: Eine wissenschaftliche Ausbildung brauchen Heilpraktiker nämlich anders als Ärzte für ihre Tätigkeit nicht. Eine Prüfung reicht völlig – was vielen Kritikern wiederum nicht ausreicht. Muss der Beruf also stärker reguliert werden?

Christian Weymayr, Wissenschaftsjournalist und Sprecher des „Münsteraner Kreises“, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die sich für evidenzbasierte Medizin einsetzt, meint, „der Heilpraktikerberuf sollte nicht nur stärker reguliert werden, er sollte abgeschafft werden. Es kann keinen ‚Arzt light‘ geben. Menschen haben ein Bedürfnis nach Spiritualität, das ist klar. Aber es darf kein staatliches Siegel für eine medizinische Versorgung geben, die nicht wissenschaftlich fundiert ist.“

Ursula Hilpert-Mühlig, Heilpraktikerin und Präsidentin des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker, hält dagegen: „Heilpraktiker wenden komplementärmedizinische Therapien an, die in der Schulmedizin gar nicht anzutreffen sind. Sie bedürfen dafür einer Erlaubnis, die an eine Überprüfung medizinischer Kenntnisse und Fähigkeiten gebunden ist – in Theorie und Praxis. Zu den beruflichen Pflichten von Heilpraktikern existiert bereits eine umfangreiche Rechtsprechung, der Beruf ist bereits rechtlich eingebettet.“ 

Die Diskussion in voller Länge (25 Minuten) hier.

Die verhängnisvollen Auswirkungen föderaler Strukturen auf die Entwicklung der Glaubwürdigkeit

9. Mai 2020

Die Entscheidung der Bremer Ärztekammer vom September 2019, die „alberne Homöopathie“ aus der Weiterbildungsordnung (WBO) zu streichen, hat bundesweit große Zustimmung erfahren und dürfte viele Landesärztekammern motiviert haben, es den Bremern gleichzutun. So haben bis dato die LÄKn Nordrhein, Hessen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ebenfalls diese gefährliche Heilslehre aus ihrer WBO entfernt. „Gefährlich“ deshalb, weil sie Patientinnen und Patienten im Vertrauen auf eine Wirksamkeit der Homöopathie davon abhalten kann, sinnvolle Maßnahme zu ergreifen. Das Erstaunen war groß, als sich andere Ärztekammern den Bremern nicht anschlossen, wie etwa die ÄK Baden-Württemberg im November vergangenen Jahres. Auch die ÄK Thüringen bekannte sich im März dieses Jahres mit denkbar knapper Ein-Stimmen-Mehrheit zum Erhalt der umstrittenen Zusatzbezeichung.

Weil die Entscheidungen über ärztliche Fortbildungsinhalte den einzelnen LÄKn obliegen, ist dieses Abstimmungsergebnis in mehrfacher Hinsicht als prekär einzuordnen. In Thüringen erworbene Zusatzbezeichungen „Homöopathie“ können bei der Niederlassung in einem anderen Bundesland nicht aberkannt werden. Dieses Faktum muss nicht als Vorteil föderaler Vielstimmigkeit gewertet werden, sondern offenbart eine Dysbalance im Mächteverhältnis Landesärztekammern zu Bundesärztekammer. Es ist daher aus Gründen der Glaubwürdigkeit und Transparenz wünschenswert, wenn Fortbildungsinhalte künftig nicht lokal, sondern zentral und bundeseinheitlich koordiniert werden, damit ein „Fortbildungstourismus“ ausbleibt.

Es ist nachvollziehbar, dass regional agierende Landesärztekammern strukturbedingte Vorteile besitzen. Doch bei der Definition fortbildungsrelevanter Inhalte erweist sich ein Pochen auf Regionalität schnell als Papiertiger. Weil Änderungen an einer landeseigenen WBO nur für das Prüfungskomitee des jeweilige Bundesland bindende Gültigkeit besitzen, entfalten sich dadurch keine allgemeine Wirkmächtigkeiten, sondern reduzieren sich durch die begrenzten Bedingungen lediglich auf einen Symbolcharakter ohne ausreichende Auswirkungen im Portfolio der Zusatzbezeichnungen im jeweiligen Bundesland.

Die Absicht, mit einer wirksamen Änderung der Weiterbildungsordnung auch eine Änderung des Angebots an abrechenbaren ärztlichen Leistungen und somit auch einen Bewusstseinswandel hin zu wissenschaftsorientierter Medizin zu bewirken, bleibt beim Festhalten an den jetzigen asymmetrischen Machtstrukturen nur hehrer Wunsch und ist im Gefolge einer föderal intonierten 16-Ton-Musik daher zum Scheitern verurteilt.

Einheit kann Leben retten!

Dr. Hans-Werner Bertelsen

Musterweiterbildungsordnung

Münster, 21. Oktober 2019

Zum Beschluss der Bremer Ärztekammer sowie der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, die Homöoapthie aus der Musterweiterbildungsordnung zu streichen

Im Februar 2018 verabschiedete der Münsteraner Kreis das Münsteraner Memorandum Homöopathie. Darin wurde der 121. Deutschen Ärztetag aufgefordert, die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ ersatzlos zu streichen. Die Begründung: Die Homöopathie steht mit ihren Grundannahmen sicheren wissenschaftlichen Erkenntnissen fundamental entgegen. Der Ärztetag ignorierte die Forderung jedoch.
Vor wenigen Wochen widersetzte sich die Bremer Ärztekammer dem Votum des Ärztetages und schaffte die Zusatzbezeichnung Homöopathie ab. Nun folgte die Ärztekammer Sachsen-Anhalt dem Bremer Vorbild.
„Dass die Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ auf dem Ärztetag im Mai vergangenen Jahres nicht einmal diskutiert wurde, war damals eine große Enttäuschung für uns. Umso größer ist jetzt die Freude über die Beschlüssse in Bremen und Sachsen-Anhalt“, sagt Christian Weymayr vom Münsteraner Kreis.
„Die Tatsache, dass jetzt einzelne Landesärztekammern die Homöopathie aus der Weiterbildung ausklammern, wird viele Patienten zukünftig vor Scharlatanerie und falschen Therapien schützen. Mehr noch: Diese mutige Entscheidung kann dazu beitragen, Leben zu retten!“ sagt der Bremer Zahnarzt Hans-Werner Bertelsen, der durch sein Engagement vor Ort maßgeblichen Anteil an dem Bremer Beschluss hatte.
„Die Bremer haben Maßstäbe gesetzt, die – so hoffen wir vom Münsteraner Kreis – auch für weitere Bundesländer nach Sachsen-Anhalt umgehend zur Richtschnur werden“, sagt Bettina Schöne-Seifert, Medizinethik-Professorin aus Münster und Initiatorin des Münsteraner Kreises.

Christian Weymayr für den Münsteraner Kreis

Anmerkungen zur „Homöopathie-Deklaration“

Münster, 1. März 2019

Erwiderung des Münsteraner Kreises auf den Beitrag „Homöopathie und intellektuelle Redlichkeit“ von Prof. Dr. Peter F. Matthiessen in der Deutschen Zeitung für Onkologie

In seiner Stellungnahme „Homöopathie und intellektuelle Redlichkeit“ [1], in der Ärztezeitung online auch als „Homöopathie-Deklaration“ bezeichnet [2], richtet Professor Dr. med. Peter F. Matthiessen im Namen des Dialogforums Pluralismus zahlreiche Vorwürfe an die Adresse der Homöopathiekritiker, namentlich auch an den Münsteraner Kreis. Wir weisen Kritik wie Stellungnahme hiermit zurück.
(1) Beleglage
Matthiessen schreibt, die publizierte Evidenz spräche für eine Wirksamkeit der Homöopathie und führt als Beleg dreizehn Veröffentlichungen an, ohne näher auf sie einzugehen. Anders Argumentierenden werden „Ignoranz“ oder „bewusste Fehlinformationen“ unterstellt.
Dagegen ist zu sagen: Weder die angeführten noch irgendwelche anderen Publikationen können die Wirksamkeit der Homöopathie zweifelsfrei belegen. Die in der Stellungnahme zitierten vier Systematischen Reviews [3 bis 6] verweisen selber auf die geringe Qualität und geringe Aussagekraft der vorliegenden ‚positiven‘ Studien. Man möge die Reviews lesen.
Anders als von Matthiessen behauptet, ist zudem der Beitrag von Hahn [7] keine unvoreingenommene Metaanalyse, sondern lediglich eine Zusammenfassung schon länger bestehender Kritikpunkte, wobei Hahn zudem keineswegs auf wohlbegründete Wirksamkeit schließt. Man möge den Beitrag lesen.
(2) Systematisches Review des Australischen NHMRC von 2015
Matthiessen schreibt, dass es sich hierbei nur um eine Literaturrecherche handle, die kleinere Studien von vornherein ausgeschlossen habe. Die Autoren des NHMRC hätten inzwischen eine ergebnisorientierte Fälschung zugegeben. Zudem habe die Arbeit kein Peer-Review-Verfahren durchlaufen.
Dagegen ist zu sagen: Von den 225 analysierten Studien [8], deren kleinste nur vier Teilnehmer hatte, wurden solche mit weniger als 150 Teilnehmern als wenig aussagekräftig betrachtet. Die Auswertemethodik des NHMRC folgte dabei eingeführten Kriterien und wurde von der Cochrane Collaboration überprüft. Am Ende wurden lediglich fünf Studien als hochwertig und belastbar bewertet, was dem Ergebnis aller übrigen indikations-übergreifenden Reviews (nicht zuletzt des Homeopathy Research Institute) entspricht [6, 9-10]. Das NHMRC-Review wurde einem gründlichen und veröffentlichten Begutachtungs-prozess unterzogen [11]. Man möge ihn lesen.
(3) Situation in der Schweiz
Matthiessen schreibt, die Aufnahme der Homöopathie in den Leistungskatalog der Schweizer Gesundheitsversorgung sei aufgrund einer gründlichen positiven Evaluation erfolgt.
Dagegen ist zu sagen: Besagte Aufnahme der Homöopathie und anderer alternativmedizinischer Verfahren in den Leistungskatalog der Schweizer Krankenkassen erfolgte aufgrund eines Volksentscheids von 2009. Zuvor geforderte Wirksamkeitsnachweise konnten gleichwohl nicht erbracht werden [12]. Man lese nach.
(4) Grundgesetzlicher Schutz
Matthiessen schlussfolgert aus der grundgesetzlich garantierten Freiheit von Forschung und Lehre, dass die arzneimittelrechtliche Sonderstellung der Homöopathie und ihre GKV-Erstattungsfähigkeit aus der Verfassung ableitbar seien.
Dagegen ist zu sagen: Die Entscheidung über die Erstattungsfähigkeit homöopathischer Behandlungen und Präparate hat nichts mit der Gewinnung oder Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis zu tun, sondern stellt eine Entscheidung über Geldflüsse dar. Als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Lehre kann Homöopathie hingegen durchaus grundrechtlich geschützt sein.
(5) Redlichkeit
Matthiessen schreibt: „Beim Informieren der Öffentlichkeit über die therapeutische Wirksamkeit der Homöopathie sollten nicht vorgefasste subjektive Überzeugungen leitend sein, sondern die Bereitschaft zur intellektuellen Redlichkeit.“
Dazu ist zu sagen: Diesem Appell schließt sich der Münsteraner Kreis unbedingt an. Man möge allerdings dabei bedenken, dass für die Homöopathie weder Kausalerklärungen vorliegen, die mit den Grundlagen der Naturwissenschaften in Einklang zu bringen wären, noch Studien, welche die Wirksamkeit ihrer Behandlungsmethoden nachweisen können.

Münsteraner Kreis

Literatur
[1] Matthiessen PF: Homöopathie und intellektuelle Redlichkeit – Eine Stellungnahme; Deutsche Zeitschrift für Onkologie (2018); 50:172-177
[2] NN: Evidenz: Globuli-Deklaration soll deeskalieren, Ärztezeitung online, 06.02.2019
[3] Kleijnen J, Knipschild P, ter Riet G: “Clinical trials of homeopathy“, BMJ 1991; 302:316-23
[4] Linde K, Clausius N, Ramirez G et al.: “Are the clinical effects of homeopathy placebo effects? A meta-analysis of placebo-controlled trials“, The Lancet (1997);350:834-843
[5] Cucherat M, Haugh CM, Gooch M et al.: “Evidence of clinical efficacy of homeopathy“, Eur. J Clin Pharmacol 2000;56:27-33
[6] Mathie RT, Lloyd SM, Legg LA et al.: “Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis“, Systematic Reviews 2014;3:142
[7] Hahn RG: “Homeopathy: Meta-Analyses of Pooled Clinical Data“,Forsch Komplementärmed(2013);20:376-381
[8] National Health and Medical Research Council. 2015. “NHMRC Information Paper: Evidence on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions “, Canberra: NHMRC;2015 sowie die zugehörigen Anhänge.
[9] Mathie RT, Ramparsad N, Legg LA et al.: “Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: Systematic review and meta-analysis“, Systematic Reviews 2017;6:663
[10] Mathie RT et al.: „Systematic Review and Meta-Analysis of Randomised, Other-than-Placebo Controlled, Trials of Individualised Homeopathic Treatment“, Homeopathy (2018);107(04): 229-243
[11] National Health and Medical Research Council. 2015. “Summary of key issues: Draft information paper on homeopathy—expert review comments.“ NHMRC Advice on the effectiveness of homeopathy for treating health conditions. Canberra: National Health and Medical Research Council; 2015
[12] Bundesamt für Gesundheit (Schweiz): Verordnung vom 27. Juni 1995 über die Krankenversicherung (KVV) […] Vorgesehene Änderungen per 1. August 2017, Änderungen und Kommentar im Wortlaut

Zurück in die Steinzeit

Münster, 19. Januar 2019

Kommentar des Münsteraner Kreises zur Erstattung der Homöopathie durch gesetzliche Krankenkassen

In der aktuellen Debatte um die Frage, wer bestimmen soll, welche Leistungen von der Solidargemeinschaft bezahlt werden, hat sich nun auch die Barmer Krankenkasse zu Wort gemeldet. Laut Ärzteblatt online vom 14.1.2019 erklärt die Barmer: „Wir leben in einer zunehmend pluralen und selbstbestimmten Gesellschaft, in der die Vorstellungen von Gesundheit, Gesunderhaltung und Therapie nicht einheitlich gestaltet und vorgegeben werden sollten.“
Bislang entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, was Kassenleistung wird und was nicht. Maßstab hierfür ist der wissenschaftliche Nachweis der Wirksamkeit. Vor wenigen Tagen hat Gesundheitsminister Jens Spahn für Unmut gesorgt, als er – anlässlich der Frage, ob Kassen Fettabsaugung bei Fettverteilungsstörungen bezahlen sollten – die Entscheidungshoheit in seinem Ministerium verorten wollte. In einem beispiellos wütenden Kommentar wies der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses Joseph Hecken das Ansinnen Spahns zurück.
Joseph Hecken sieht Spahns Vorstoß als Rückfall in eine Zeit, in der nicht die Wissenschaft, sondern einzelne Fachleute über wirksam und unwirksam entschieden. Im Wortlaut: „Der geplante neue § 94a SGB V kann nur als ‚Methodenbewertung super light‘ bezeichnet werden und ist ein Schritt zurück ins medizinische Mittelalter, denn er ersetzt in der Bundesrepublik Deutschland die mittlerweile sich weltweit sogar in Schwellenländern als Standard durchsetzende evidenzbasierte Medizin durch früher geltende Prinzipien der eminenzbasierten Medizin, die jahrhundertelang Grundlage für unwirksame und gefährliche Anwendungen war, wie etwa den Aderlass.“
Und nun bezieht also auch die Barmer öffentlich Position – allerdings ohne direkte Bezugnahme auf die aktuelle Diskussion. Ihr Statement war vielmehr gemünzt auf die Anfrage des Bundesverbandes Patienten für Homöopathie, warum sie denn freiwillig die Kosten für homöopathische Behandlungen bezahle. Das ist eine berechtigte Frage, gibt es doch für die Homöopathie keinen Anhaltspunkt für eine spezifisch pharmakologische Wirkung – entgegen den Behauptungen der unbeirrbaren Verfechter dieser Glaubensrichtung. Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses übrigens hat sich diesen Behauptungen wiederholt erfreulich klar entgegengestellt.
Wie ist der Barmer-Satz nun im Kontext der aktuellen Debatte zu bewerten? Wir als Münsteraner Kreis halten daran fest: Unwirksames gehört auch im Zeitalter pluraler Therapiewünsche nicht in die solidarische Finanzierung. Wenn der Verzicht auf wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweise laut Hecken einen Rückfall ins Mittelalter darstellt, dann sind Bekenntnisse zu „nicht einheitlich vorgegebenen“ Vorstellungen zur Wirksamkeit von Therapien ein Rückfall in die Steinzeit.